Partnerstadt Yavne auf der Homepage der Stadt Speyer
Bericht zum ersten Jugendaustausch Speyer - Yavne im Schuljahr 1998/99
I. Vergangenheit und Gegenwart begegnen sich - Junge israelische Juden zum Austausch vom 3. - 16.7.98 in Speyer
Inbal und Christina liegen sich in den Armen und weinen. Vor ihnen eine der furchtbaren Stätten nationalsozialistischer Brutalität, das Konzentrationslager Struthof im Elsaß. Der Anblick dieses landschaftlich so idyllisch gelegenen Lagers in den Vogesen läßt die bis dahin munter aufgelegten Jugendlichen verstummen. Die Begegnung mit der Vergangenheit wird in einem Ausmaß gegenwärtig, daß sie die Gefühle nicht mehr zurückhalten können und Trost suchen. Eine Baracke von damals ist noch erhalten. Sie wurde in der NS-Zeit für medizinische Versuche verwendet. In ihr wurden Menschen gefoltert, erschossen oder grausam unter Beobachtung der NS-Schergen medizinischen Versuchen ausgesetzt. Unter den Opfern waren französische Widerstandskämpfer, aber auch 74 Juden, aus polnischen Lagern angefordert, um die Wirkung von Giftgasen zu beobachten und die Leichen der Anatomie in Straßburg zur Verfügung zu stellen. Spätestens beim Betreten dieser Baracke spüren die Jugendlichen aus dem israelischen Yavne und aus der Partnerstadt Speyer, daß sie in ein Geflecht der Geschichte hineinverwoben sind, das sie direkt betroffen macht, obwohl sie doch erst viel später geboren wurden. Christina versucht dies Tage später im Schulgottesdienst in folgende Worte zu fassen: "Wir als Deutsche fühlten uns schuldig, obwohl wir doch gar nicht schuldig sind."
Begonnen hatte dieser gemeinsame Austausch zwischen Schulen aus dem israelischen Yavne (Ginsburg Highschool) und der deutschen Partnerstadt Speyer (Nikolaus-von Weis-Gymnasium und Gymnasium am Kaiserdom) recht fröhlich, als die Gäste mit Speyerer Brezeln am Frankfurter Flughafen herzlich empfangen wurden. Viele Vorbereitungen finden jetzt fruchtbaren Boden. Im reichhaltigen Programm stehen natürlich Besuche in den Schulen (Teilnahme am Englischunterricht, am Wandertag, am Schulfest mit Volkstänzen und Kulinarischem, schließlich auch am Schulgottesdienst mit eigenen Beiträgen), übliche touristische Ziele (Speyer, Heidelberg, Trifels, Hambacher Schloß), aber auch Stätten mit besonderer christlicher (Speyerer und Wormser Dom, Kathedrale in Strasbourg) und jüdischer Bedeutung (Judenbad und Gedenkstätte der Synagoge in Speyer, Synagoge, Judenbad und Rashi-Museum in Worms, jüdische Gemeinden in Mannheim und Frankfurt). Interessant sind auch Begegnungen mit Speyer Künstlern (Purrmann-Haus und Besuch im Atelier von W. Spitzer), und natürlich Freizeitvergnügungen unterschiedlichster Art.
Drei israelische Mädchen - Shaked, Reut und Keshet - lassen sich vom jüdischen Friedhof in Worms spürbar ansprechen. Sie können viele Grabsteininschriften selbst lesen, brauchen nicht den Erläuterungen der Führung zu folgen. Plötzlich kramen sie einen Zettel aus der Tasche, schreiben eine Bitte auf und legen sie, von einem kleinen Stein beschwert, auf einen Grabstein und verharren kurze Zeit in Stille. – Eine Gruppe älterer Damen, die an einer anderen Führung teilnehmen, wird aufmerksam auf die Jugendlichen. Efrat übersetzt ihnen gerne die hebräischen Schriftzeichen ins Englische. Die übliche Erklärungsrichtung wird umgekehrt. Junge Menschen erklären älteren Menschen etwas, das sie besser verstehen. Steine, die uns an vergangene Zeiten erinnern, bekommen plötzlich aktuelle Bedeutung.
Unbewußt setzen viele von uns bei Juden eine engagierte Religiosität voraus. Den Jugendlichen, die uns besuchten, ist der Synagogenbesuch am Shabbat genauso (wenig) vertraut wie unseren Jugendlichen die Messe am Sonntag. Bei der konkreten Teilnahme am Shabbat-Gottesdienst zeigen sie sich interessiert an der Zeremonie, die für sie Vertrautes und Fremdes zugleich enthält, bei der hebräisch gesungen und deutsch gepredigt wird in einer neu gebauten Synagoge mitten in Mannheim. Erfreulich ist ihre Aufmerksamkeit bei der Besichtigung des Speyerer Doms, dessen Raumwirkung sie sichtlich tief berührt. Shaked findet folgende Worte: "Der Dom gefällt mir von außen als ein großartiges Kunstwerk. Von innen beeindruckt er mich wegen seiner Einladung zum Stillewerden!"
Freude und Verwunderung sind groß, wenn deutsche Juden hebräisch sprechen. Verzückt lauschen die Jugendlichen einer jüdischen Kindergruppe, die während einer Projektwoche ihrer Grundschule in Frankfurt Volkstänze und ?lieder eingeübt haben und sie beim Besuch vorführen. Erfreut sprechen sie hebräisch mit ihnen. Viel kritischer hinterfragen sie dagegen Erwachsene. So sprechen sie z.B. einen Rabbi an, der gerade seine Kinder aus dem Kindergarten abholt, warum er denn hier und nicht in Israel lebe. Ihr Verständnis vom starken Staat Israel stellt immer wieder das Selbstverständnis all der Juden in Frage, die nun nicht in diesem (gelobten) Land zu leben wünschen.
Besonders intensiv ist natürlich unter den vielen Erlebnissen die eingangs angesprochene Begegnung mit der grausamen Wirklichkeit nationalsozialistischer Brutatlität und Menschenverachtung am Beispiel des Konzentrationslagers in Struthof (Elsaß). Die deutschen Jugendlichen sind betroffen von der Traurigkeit und Gerührtheit ihrer israelischen Partner, von denen sie aus Andeutungen bereits wissen, daß manche ihrer Verwandten in deutschen KZ das Leben ließen. Das hilflose und ohnmächtige Mitrauern mag ein wichtiger Schritt der gegenseitigen Offenheit sein, die die neuen Beziehungen tragfähiger zu gestalten vermag. Wenige Kilometer vom ursprünglichen Arbeitslager entfernt befindet sich die Stelle, an der die meisten Opfer des KZ vergast wurden. An diesem Ort versuchen die jungen Menschen in hebräischen Gebeten und Liedern sowie einem deutschen Gedicht Erinnerung zu gestalten und zu feiern als ein wesentliches Element unseres Lebens. Ehrfürchtig werden Kerzen aus Israel entzündet und Blumen niedergelegt. Nie wieder soll sich ereignen, was in greifbarer Vergangenheit hier geschah, bevor unsere Jugendlichen das Licht der Welt erblickten und das auf unterschiedliche Weise doch ihre Existenz beeinflußt. L. Berrebi, eine der Lehrerinnen, erzählt beim abendlichen Gespräch im vorsichtigen Herantasten an dieses Thema ihrem deutschen Kollegen P. Sauter, daß auch sie selbst ihre Großeltern mütterlicherseits in dieser Zeit in Deutschland verloren hat. Ihre Mutter riet ihr wohl auch deshalb ab, als Begleiterin nach Speyer zu fahren: "Deutschland ist kein Reiseziel für uns Juden." Liora hat sich gegen den mütterlichen Rat entschieden. "Wir müssen neue Schritte aufeinander zugehen. Vor allem junge Menschen sollen die Möglichkeit erhalten, neue Erfahrungen miteinander zu machen, die einen besseren, toleranteren und verständnisvolleren Umgang miteinander ermöglichen.
Die israelischen Pädagoginnen Sarah und Liora sind am Ende erleichtert und froh über diese erste gelungene Begegnung von Schülern im Rahmen der noch jungen Partnerschaft der beiden Städte aus verschiedenen Kontinenten. Gelohnt hat sich damit auch der Einsatz der gastgebenden Familien, die bei diesem Austausch aus Speyerer Sicht Neuland betraten. Sie sehen ihre vielfältigen Anstrengungen belohnt in der Ermöglichung solcher gemeinsamer Erfahrungen. So schreibt eine Mutter in den Ferien: "Wir empfinden den Kontakt, der nun entstanden ist, also große Bereicherung." "Shalom" und "Lehitrahot" sind nicht nur Worte zweier Lieder, die im Abschlußgottesdienst am letzten Schultag gemeinsam von den israelischen Jugendlichen und den deutschen Schülern der ganzen Schule gesungen werden, sondern sie gehören jetzt auch zum Vokabular einiger Speyerer. Die Dankbarkeit, die Ron und Reut in hebräischer und englischer Sprache den Anwesenden in der St. Ludwigskirche in Speyer ausdrücken, lassen ebenso wie die Eindrücke, die ihre deutschen Partner Pia, Christina und Alina den anderen mitteilen, diesen Gottesdienst zu einer besonderen Feier werden.
II. "Shalom, ma nishma?"
Gegenbesuch der Speyerer Schülergruppe vom 12.-24.4.99 in Yavne
Bei der Ankunft am Flughafen Ben Gurion werden die Speyerer von ihren Partnern herzlich empfangen. Mit roten Rosen und Orangen zeigen die jungen Israelis, daß sie sich über das Wiedersehen freuen. Der Aufenthalt fällt in eine besondere Zeit: Schon am nächsten Tag erlebt die Gruppe den "Holocaust-Gedenktag" in der Schule mit. Nach einer Vorbereitungszeit in den Klassenzimmern sind um 10 Uhr im ganzen Land die Sirenen zu hören, überall stehen die Menschen still. Vor den versammelten Schülern der ganzen Schule werden Texte vorgetragen, meditative Musik gespielt und die Nationalhymne gesungen. Am Abend fährt die Gruppe zum Kibbuz Yad Mordechai. Dort findet mit dem zukünftigen Ministerpräsidenten, Herrn Ehud Barak, eine große Gedenkveranstaltung statt. Alina sagt später: " Es war sehr schwer für uns, bei dieser Gedenkfeier dabei zu sein. Obwohl wir wissen, daß unsere Austauschpartner uns keine Vorwürfe über das Vergangene machen wollen, verspüren wir dennoch ein Gefühl von Schuld. Das sollte eigentlich nicht sein."
Die folgenden beiden Tage führen in die Landschaft Galiläas. Eine Wanderung durch ein Wadi oder in einem Naturschutzpark, ein Eselsritt, eine Bootsfahrt auf dem See Genesareth gehören ebenso zum Programm wie Besuche christlicher Stätten, also Orte, die an Jesus und sein Wirken vor 2000 Jahren erinnern, wie z.B. die Stelle der Brotvermehrung oder der Berg der Seligpreisungen, Kapernaum mit dem früheren Haus des Petrus. Auf dem Rückweg hält die Gruppe in Nazareth, heute arabische Stadt in Israel, mir Muslimen und Christen als Einwohnern.
Bei einer offiziellen Begrüßung hebt ein Vertreter der Stadt die Bedeutung der Jugend für die Zukunft hervor - vielleicht seien unter den Anwesenden ja die Bürgermeister von morgen, die die Partnerschaft weiter entwickeln und fortführen könnten. Auch der Direktor der Ginsburg High School, Herr Daniel Perek, richtet sehr persönliche und ermutigende Worte an die deutsche Gruppe. Es sei ein besonders zu würdigendes Zeichen, dass der Besuch an so wichtigen israelischen Feiertagen (Holocaust-Gedenktag und Unabhänigkeitstag) stattfinde, wo doch die übrigen Besuchergruppen des Landes eher die touristischen Zeiten an Ostern oder im Sommer wählen. Er persönlich sei von dieser Geste und der entsprechenden Haltung sehr beeindruckt.
Beim anschließenden Gang durch einen Teil der Stadt erleben wir Speyerer erstmals, daß eine jungen Frau in Soldatenuniform zu Sehenswürdigkeiten führt, auch das gehört zur israelischen Wirklichkeit. Pia meint dazu: "Die Vorstellung, als Frau zwei Jahre zum Militär zu gehen, ist schon seltsam. Ich wollte das persönlich nicht, aber unsere israelischen Partnerinnen empfinden es als ihre Pflicht, ihrem Land zu dienen. Das tun sie auch gern."
Zu den besonderen Erfahrungsmöglichkeiten eines solchen Austausches gehört auch das Mitfeiern eines Shabbats in einer jüdischen Familie. Dieser dem christlichen Sonntag entsprechende Tag beginnt schon am Vorabend bei Sonnenuntergang. In Yavne fahren keine Busse mehr, der religiöse Teil der Bevölkerung zieht sich ins Haus zurück. P. Sauter folgt dankbar der Einladung einer jemenitischen orthodoxen Familie, den Shabbatbeginn gemeinsam zu feiern. Alle lauschen sie dem Segensgesang des Familienoberhauptes, trinken einen Schluck Kaddusch-Wein und essen von dem gesegneten und gebrochenen Brot, das eigens dafür gebacken wurde. Erfahrbar wird die großzügige und herzliche Gastfreundschaft einer israelischen Familie, deren Vater als eines von 11 Kindern vor über 60 Jahren aus dem Jemen in dieses Land kam und sich mit seiner eigenen Familie hier wohl und sicher fühlt. - Andrea ist mit einigen anderen in einer Familie untergebracht, die den Shabbat nicht religiös feiert. "Schade, daß ich bei einer ähnlichen Feier nicht dabei sein konnte".
Natürlich fährt die Gruppe auch nach Jerusalem. Besichtigt wird der Oberste Gerichtshof, das Israel-Museum mit echten alten biblischen Schriftrollen aus Qumran, die arabische Altstadt, der Tempelberg mit dem berühmten Felsendom, die Klagemauer und die Gedenkstätte Yad Vashem. Auf dem Weg in die Wüste zum Toten Meer lernen die Deutschen in Mamshit das Kamelreiten bei Beduinen. Neben dem großen Spass, den alle mit dieser Art der Fortbewegung empfinden, wird natürlich auch über das Leben dieses Tiers informiert: ein Kamel kann z.B. innerhalb von drei Stunden 120 Liter (!) Wasser zu sich nehmen und braucht danach 8 Tage nicht mehr zu trinken... - Ein gemeinsames Abendessen im Beduinenzelt und Erläuterungen zum Leben der Beduinen lassen das Leben dieser Menschen anschaulich werden. Beeindruckend ist der Besuch der Festung Masada und das Baden im Toten Meer. Christina: "Dieser Tag war wirklich klasse! Da kann man sehen, wieviel Spaß man zusammen haben kann, wenn man die Vergangenheit einfach mal ruhen lassen kann."
Ein weiterer israelischer Feiertag ist der "Memorial Day". An diesem Tag wird der Soldaten gedacht, die seit der Unabhängigkeit Israels vor fast 51 Jahren ihr Leben für ihr Land gaben. Bereits am Vorabend beginnen offizielle Gedenkfeiern. Am nächsten Morgen treffen sich alle Schüler in den Schulen, um mit ihren Lehrern Texte zu besprechen, die für die Thematik des Memorial Day geeignet sind. So werden z.B. in einer 10. Klasse drei kurze Buchauszüge verglichen: Eine Mutter trauert, weil sie ihren Sohn im Krieg verloren hat. Ein Offizier stirbt bei dem Versuch, seine Soldaten beim Rückzug zu verteidigen und zu schützen. Ein Politiker hält eine Rede und gedenkt der toten Soldaten und fügt die Bemerkung an, dass der einzig positive Aspekt daran sei, daß sie für ihr Vaterland und damit nicht umsonst gestorben seien.
Die Jugendlichen diskutieren z.T. sehr engagiert. Es ist deutlich zu spüren, dass der Einsatz der Armee im Süden des Libanon häufig in den Medien aufgegriffen und der Tod eines jeden Soldaten dort Erwähnung findet, Anteilnahme und Betroffenheit auslöst. Manche der dort getöteten jungen Männer stammen aus der Umgebung oder haben Verwandte hier. In unserer Partnerstadt ist für uns Deutsche zu spüren, dass diese Frage hier in einem anderen Lebenskontext diskutiert wird. Für die meisten ist der Einsatz militärischer Gewalt unbestritten sinnvoll, die Situation im Land wird so interpretiert, daß das eine notwendige Haltung jedes einzelnen sein müsse, um die Freiheit Israels und damit die eines jeden Einwohners zu garantieren. Fragen, die in Deutschland eher theoretisch besprochen werden, sind hier von konkreter Bedeutung für jeden einzelnen. Anschließend gedenkt jede Schule mit einer eigenen Feierstunde der toten Soldaten. Junge Männer und Frauen in Uniform sind anwesend. Mit die Jugendlichen ansprechender Musik und kurzen Ansprachen wird der toten Soldaten gedacht. Auch hier beschließt die Nationalhymne die Feier. Meike: Sehr bewegend ist die Schweigeminute, die an einem solchen Gedenktag stattfindet. Man muß sich mal vorstellen: Da heulen im ganzen Land auf einmal die Sirenen, und alle Israelis stehen still. Und gedenken. Man kann richtig die Verbundenheit zwischen ihnen spüren."
Am Abend dieses Tages beginnt eine völlig andere Wirklichkeit in derselben Stadt: "Independence Day". Seit 51 Jahren ist Israel unabhängig. Parties werden vorbereitet, in der Innenstadt findet ein Volksfest statt. Die Trauer vom Tag ist abgelegt, froh wird miteinander gesprochen und heiter getanzt.
Beim Abschied am Flughafen gehen zwei abwechslungsreiche Wochen zu Ende. Der Austausch war für alle eine Bereicherung. Neue Beziehungen konnten geknüpft werden, bestehende wurden intensiviert. "Lehitrahot" - in diesem Wort klingt Dankbarkeit mit für das Erlebte und Hoffnung auf ein Wiedersehen, vielleicht "im nächsten Jahr in Jerusalem...".
Peter Sauter