Vorträge

1. Walter Stark (1936 - 1997, StD, Griechisch, Latein und Erdkunde, Speyer)
Der Bildungswert einer Griechenlandreise

Im Fünfjahresrhythmus führte Walter Stark Studienfahrten mit Griechisch-Schülern nach Griechenland durch, so auch im Sommer 1986. Ausgehend von der sehr langen Tradition von Bildungsreisen nach Griechenland (schon die Römer holten sich dort das unentbehrliche geistige Rüstzeug) führte er fünf Gründe für eine Studienfahrt nach Griechenland in heutiger Zeit auf. Vieles, was die Schülerinnen und Schüler im Unterricht gelesen haben, wird an Ort und Stelle lebendig; Kunstwerke, die das vollkommen Schöne und damit das Göttliche darstellen wollen, können im Original studiert werden; die Schüler erhalten einen tiefen Eindruck davon, was Geschichtlichkeit bedeutet; das griechisch-orthodoxe Christentum wird bei einem Aufenthalt in einem Kloster konkret erfahren; das moderne Griechenland kann erlebt werden. Anhand zahlreicher Dias ließ Walter Stark die Zuschauer am Erlebnis der Reise teilhaben.



2. Joachim Latacz (* 1934, Professor für Klassische Philologie, Basel)
Zur Problematik der politisch-militärischen Macht: Das Beispiel Athen (5. Jh. v. Chr.)

Nach einem Überblick über die Geschichte Griechenlands von 2000 v. Chr. bis zur Kulturblüte des 5. Jahrhunderts stellte Joachim Latacz am Modell des Peleponnesischen Krieges dar, wie sich militärisch-politische Macht verselbständigt und zur Selbstvernichtung führen kann. Das Modell boten dabei die beiden griechischen Großmächte Athen und Sparta, die - gestützt auf ihre jeweiligen Bündnissysteme - in ideologischer und militärischer Abgrenzung unaufhaltsam in eine kriegerische Auseinandersetzung hineintrieben. Der Athener Thukydides hat diese Entwicklung und den Krieg beobachtet und analysiert sowie als Modellfall für die künftige Menschheit aufgezeichnet. Anhand seines Geschichtswerkes zeigte Joachim Latacz die Rüstungsanstrengungen beider Großmächte, die Furcht vor dem Übergewicht des anderen, Satelliten, die aus den jeweiligen Machtblöcken ausscheiden wollten, und die Angst beider, Schwächen zu zeigen. Besonders erschreckend war dabei die Rationalität der Macht, die alles, was nicht rational erfassbar war, als irrational und damit minderwertig einstufte. Macht wurde als Kennzeichen des Menschen bezeichnet und somit kam Thukydides zu dem Schluss, dass ein Friede nicht auf längere Sicht zu halten sei.



3. Heinz-Josef Engels (* 1935, Dr. phil., Archäologe, Landesamt für Denkmalpflege, Speyer)
Römische Hortfunde aus dem Rhein

Nach einigen Funden aus der Römerzeit in den Altrheinarmen von Hagenbach, Mechtersheim und Otterstadt kam es Ende der 70er Jahre zur sensationellen Entdeckung eines Metallschatzes in Neupotz, einem der umfangreichsten römischen Hortfunde nördlich der Alpen. Heinz-Josef Engels beschrieb anhand von Lichtbildern (ergänzt durch Asterix-Illustrationen) die zufällige Entdeckung, die Bergung und Konservierung der Stücke und die historische Deutung der Inschriften. Anhand von Namen auf Silbertäfelchen aus dem Hagenbacher Hortfund erklärte Heinz-Josef Engels, dass diese Beutestücke aus Aquitanien und den Pyrenäen stammen müssen, der Fund also einen archäologischen Beweis für die Germanenzüge bis nach Spanien liefere. Auf einer Tafel konnte, man höre und staune, der Name Obbelix identifiziert werden, womit die Comicgestalt beim Weglassen des einen "b" also literarisch bezeugt wäre.



4. Klaus Rosen (* 1937, Professor für Alte Geschichte, Bonn)
Rom und die Christen im 1. Jahrhundert: Die Anfänge des Problems Staat und Kirche

Um große Themen in ihrer Gesamtheit zu verstehen, müssen ihre Anfänge erkundet werden. Deshalb nahm Klaus Rosen die allerfrühesten Quellen zum Thema Christenverfolgung unter die Lupe. Der Kaiserbiograph Sueton und der Historiker Tacitus beschreiben, wie Christen bereits unter Kaiser Nero in Rom mit dem Tode bestraft wurden. Nero schob nach dem Brand Roms 64 n. Chr., als sich der Verdacht auf Brandstiftung immer mehr erhärtete, den Christen die Schuld in die Schuhe und machte sie zu Sündenböcken. Allerdings seien die Christen nach Tacitus nicht in erster Linie wegen der Brandstiftung verurteilt worden, sondern deshalb, weil sie einfach nicht in die römische Gesellschaft passten, in der Staat und Religion eine strenge Einheit bildeten. Aus römischer Sicht machten sich Christen mit ihrem Verhalten des "Hasses gegen die Menschheit" schuldig. Somit war die erste Christenverfolgung keine Verfolgung um des Namens Christi willen, sondern eine aus Angst, das soziale Gefüge könnte durch diese Gruppe zerrüttet werden. Ein Briefwechsel aus dem Jahr 112/113 zwischen dem Statthalter von Bithynien, Plinius, und dem Kaiser Trajan zeigt die Unsicherheit bei der Behandlung der Christen, die zwar nicht aufgestöbert, aber bei namentlicher Anzeige verfolgt und bei Befehlsverweigerung hingerichtet werden sollten. Echte religiöse Verfolgungen können erst im 3. Jahrhundert nachgewiesen werden.



5. Marcus Junkelmann (* 1949, Dr. phil., Historiker und Alpenüberquerer, München)
Die Legionen des Augustus

Zur Zweitausendjahrfeier der Stadt Augsburg überquerte Marcus Junkelmann mit sieben Begleitern die Alpen von Verona bis nach Augsburg in einem Kriegsmarsch unter Bedingungen, wie sie zur Römerzeit herrschten. Anhand eines Diavortrages dokumentierte er den 540 km langen Marsch, bei dem sie wie echte Legionäre jeden Abend Schanzarbeit ausführten und ihre Mahlzeiten selbst zubereiteten. Daneben zeigte Marcus Junkelmann einen original gekleideten römischen Legionssoldaten mit einer Bepackung von annähernd einem Zentner Gewicht. Als Modellsoldat fungierte Christopher Kerstjens.


6. Hartmut Döhl (* 1941, Professor für Klassische Archäologie, Göttingen)
Heinrich Schliemann: Forscher oder Fälscher?

Angesichts der Vorwürfe gegen Schliemann, von Dilettantismus und Schatzgräberei bis zur Fälschung wichtiger Funde, machte Hartmut Döhl deutlich, was eigentlich Schliemanns wissenschaftliche Zielsetzung war und inwieweit er sein Tun beherrschte. Er legte das bedeutende archäologische Wirken dieser umstrittenen Persönlichkeit dar.



7. Arbogast Schmitt (*1943, Professor für Klassische Philologie, Mainz)
Die Sophokleische Antigone

Im Sinn der neueren Tragikkonzeption, wie sie vor allem die deutsche Klassik ausgebildet hat, ist eine Handlung tragisch, wenn es in ihr zu einem unausweichlichen Konflikt zwischen zwei an sich gleichberechtigten Interessen oder Kräften kommt. Den grundsätzlichen Unterschied zwischen einer neuzeitlichen und einer antiken tragischen Handlung sieht man darin, dass in der Antike der handelnde Mensch noch nicht allein aus einem subjektiven Bewusstsein des Wählenkönnens und -müssens entscheidet, sondern dass er von seinem Schicksal und seinem Wesen her eben das ist, was er als Subjekt auch will. Eminentes Beispiel für diese angeblich antike Tragikauffassung ist die "Antigone" des Sophokles. Antigone muss sich entscheiden zwischen ihrer Bindung an die Familie und den Forderungen des Staats (das macht ihr Handeln tragisch), aber sie entscheidet nicht rein aus subjektiver Willkür, sondern sie ist von ihrem Wesen her zu eben dem Pathos bestimmt, das sie auch leidenschaftlich will (das macht sie zu einer tragischen Figur der Antike). Diese von sich selbst her gewiss hohe und schöne Auffassung vom Wesen des Tragischen und des Antik-Tragischen steht allerdings, so sehr sie uns zur Gewohnheit geworden ist, in scharfem Gegensatz zu theoretischen Äußerungen über die Natur des Tragischen, wie sie uns aus der Antike selbst überliefert sind. Für Aristoteles z.B. ist eine tragische Handlung gerade nicht durch ihre Unausweichlichkeit, sondern durch ihre Vermeidbarkeit charakterisiert. Aristoteles gibt damit dem subjektiv begründeten und zu verantwortenden Handeln zwar eine andere Funktion als die Neuzeit, aber er gibt ihr gleichwohl eine zentrale Funktion. Dass diese Auffassung, die in der tragischen Handlung weniger den unausgleichbaren Gegensatz als die Einsicht in die Gefährdetheit des Menschen durch sich selbst sucht, auch der Sophokleischen "Antigone" gerechter wird als der uns von der deutschen Klassik her überkommenen Tragikbegriff, sucht der Vortrag zu zeigen.



8. Hartmut Loos (* 1958, StD, Latein und Ev. Religion, Speyer)
Auf den Spuren der Römer am Limes

Anlass zu diesem Vortrag war eine Exkursion mit 20 Schülerinnen und Schülern zum Limes nach Weißenburg in Bayern während der Projektwoche des Gymnasiums am Kaiserdom 1988. Anhand von Skizzen- und Modellaufnahmen sowie Lichtbildern vor Ort wurden römische Bauwerke am Limes in Weißenburg und Umgebung vorgestellt, die erst in jüngster Zeit wiedergefunden, ausgegraben und konserviert wurden. Dabei wurde ein besonderes Gewicht auf die didaktische Aufbereitung und die Vermittlung an Schüler gelegt. Neben dem Kastell Sablonetum bei Ellingen, dem Burgus und Wachttürmen bei Burgsalach und dem Römerbad Theilenhofen standen die große Thermenanlage und der Römerschatz von Weißenburg mit seinen 21 Bronze-Statuetten römischer Götter im Mittelpunkt.



9. Hermann Walter (* 1934, Professor für Klassische Philologie, Mannheim)
Die Metamorphosen des Ovid in Malerei und Druckgraphik des 17. und 18. Jahrhunderts

Im Mittelpunkt des Vortrags standen drei unsignierte italienische Ölgemälde der Künstler Francesco Aviani (1662 - 1715) und Luca Giordano (1639 - 1705), die sich in Venedig befinden. Hermann Walter wies nach, dass die Titel in den neuesten Katalogen falsch sind, d.h., sie stellen beispielsweise nicht etwa - wie angegeben - biblische Motive dar, sondern Szenen aus den Metamorphosen des Ovid. So schlägt Hermann Walter "Neptun und Cornix" anstelle von "Tobias und der Engel", "Glaucus und Skylla" anstelle von "Die Versuchung des hl. Antonius" und "Cephalus und Procris" anstelle von "Diana und Actaeon" vor.



10. Jürgen Blänsdorf (* 1936, Professor für Klassische Philologie, Mainz)
Tacitus über den Wandel historischer Erkenntnis in der Kaiserzeit

Da antike Geschichtsschreibung nicht mit einer selbstverständlichen Leserschaft rechnen konnte, mussten die Geschichtsschreiber Werbung für ihr Werk betreiben. Waren bei Thukydides die Größe, bei Sallust die Neuheit des Stoffes wirksame Werbemittel, so vollzog sich in der Kaiserzeit ein Wandel mit Tacitus, der als erster Anti-Werbung betrieben hat, indem er seinen Stoff als gering, ja langweilig tituliert hat. Anhand von Texten aus den "Annalen" wurde gezeigt, dass Tacitus historische Tatsachen als erster und richtig erkannt hat. Mit dem Aufdecken von Ursachen hat Tacitus die äußere Krieggeschichte überwunden und bewusst keine Unterhaltungsliteratur schaffen wollen. In seiner "Germania" hat er die besondere Stellung des Arminius für die Geschichte der Germanen herausgestellt.



11. Alfred Peter Wolf (*1938, StD, Deutsch und Sport, Schwäbisch-Gmünd)
Ein-Mann-Theater Andere Bühne - Die Stimme: Suche Sokrates

Alfred Peter Wolf trat im Ägidienhaus als heiterer, spielerischer Philosoph auf. In Parodien, Sketchen, Liedern, Reden, Moritaten, Gedichten, Hymnen und Klagen, in Puppen-, Masken-, Stimmenspielen unterhielt er die Zuschauer. Diese gingen zunächst auf "Sokrates-Suche heute" in Schulen und Heimen, in Sekten und beim Sekt, und als sie ihn nicht fanden, auf "Sokrates-Suche gestern" bei Nietzsche, Hegel, Hölderlin, M. Claudius, Xenophon, Aristophanes, Platon. Und schließlich trat Sokrates selbst auf: Als Angeklagter vor dem Athener Gericht. Alfred Peter Wolf brachte eine der großen Gestalten des Altertums verstehbar und unterhaltsam auf die Bühne, so dass er modern, greifbar und verständlich erschien.



12. Paul Barié (* 1932, StD, Latein und Griechisch, Eduard-Spranger-Gymnasium Landau)
Notizen zu Platon im zeitgenössischen Denken

Paul Barié unternahm wirkungsgeschichtliche Streifzüge in die Sozialpsychologie, die Religionswissenschaft, die christliche Anthropologie, den kritischen Rationalismus, die Psychoanalyse und die aktuelle Kulturkritik. Er begann mit der innengelenkten Lebensweise des Sokrates, sozusagen der Stimme des Gewissens. Anhand von Mircea Eliades "Kosmos und Geschichte" erklärte er Platons Ideenlehre als Produkt archaischer Ontologie. Es folgte die Gegenüberstellung zweier Werke aus dem Jahr 1945, in denen K. R. Popper und L. Ziegler angesichts der Ereignisse im Dritten Reich zu entgegengesetzter Interpretation Platons gelangten. Platons Gliederung der Seele in Vernunft, Affekt- und Willenskräfte und Triebbereich stellte Paul Barié Sigmund Freuds psychischen Instanzen des Es, Ich und Überich gegenüber. Den Abschluss bildete ein kurzer Streifzug durch Platons Höhlengleichnis mit einem Vergleich der heutigen durch die Massenmedien beeinflussten Gesellschaft.



13. Ingo Wenz (* 1934, Richter, Neustadt / Weinstr.)
Römische Münzen

Ingo Wenz, der auf eine über 25-jährige Erfahrung als Numismatiker zurückblicken kann, behandelte die römischen Münzen der ersten drei Jahrhunderte nach Christus, da sie numismatisch eine einheitliche Epoche darstellen, die mit der Neuordnung des Geldes unter Augustus beginnt und mit den Soldatenkaisern des dritten Jahrhunderts endet. Hauptsächlich waren auf römischen Münzen Köpfe oder Büsten römischer Kaiser oder deren Familienangehöriger abgebildet. Außer für Zahlungszwecke setzte der Kaiser sie auch gern als Propagandamittel ein in der Form, dass auf die Münzen Inschriften geprägt wurden, die den herrschenden Kaiser zum Beispiel mit Herkules verglichen oder ihn etwa als Friedenskaiser bezeichneten. Mit der Beschreibung der verschiedenen Münzsorten legte Ingo Wenz dar, wie das von Augustus geschaffene System in einer Art Inflation langsam unterging. Ausgehend von Münzen wurde so die römische Wirtschaftsgeschichte klar dargelegt.



14. Kurt Otten (* 1926, Professor für Anglistik, Heidelberg)
Latein als erste Fremdsprache im Gymnasium: Plädoyer für eine Zumutung

Obwohl heute jeder Abiturient Jura und Medizin studieren kann, ohne Lateinkenntnisse nachweisen zu müssen, so hat es sich doch herumgesprochen, dass für viele Studiengänge, wie z.B. Geschichte, Theologie, romanische Sprachen, Philosophie sowie klassische Archäologie, Lateinkenntnisse verlangt werden. Zudem bildet die unglaubliche Präzision der lateinischen und griechischen Wortbildung in der gesamten Welt die Grundlage aller Wissenschaftsterminologien, so in der Medizin, Physik, Biologie, Rechtswissenschaft und den Wirtschaftswissenschaften. Auf die Frage, wann Latein gelernt werden soll, gab Kurt Otten, Professor für englische Philologie, einen eindeutigen Ratschlag: Am sinnvollsten ist es, Latein als erste Fremdsprache zu lernen; um so leichter können dann später andere Sprachen gelernt werden.



15. Edzard Visser (* 1954, Dr. phil., Fachleiter für Latein und Griechisch, Koblenz) Vom Sinn des Klassischen: Überlegungen zur Funktion antiker klassischer Texte in unserer Gegenwart

Auch wenn es unzeitgemäß und sicher auch nicht einfach ist: Reflexionen über den Sinn und Wert klassischer griechischer und lateinischer Texte sind notwendig. Nach der Darlegung des Begriffes "Klassik" in seiner Entstehung im Hellenismus und seiner heutigen Funktion zeigte Edzard Visser an den Beispielen Homer und Vergil, inwieweit Dichtungen nicht nur nach antiken Begriffen, sondern letztlich auch für ein modernes Verständnis etwas Herausragendes, wenn auch in mancher Hinsicht Fremdes darstellen. Diese außergewöhnliche Qualität liegt dabei nicht nur in der Vollendung der formalen Gestaltung, sondern speziell auch in den Erkenntnissen auf dem menschlich-psychologischen Sektor. Demzufolge können gerade wir von der Technik geprägten modernen Menschen vom Welt- und Menschenbild dieser antiken Dichter nicht nur Anregungen empfangen, sondern auch in einem tieferen Sinne etwas lernen und Grundsätzliches über uns selbst erfahren.



16. Dietram Müller (* 1941, Dr. habil., Akad. Direktor, Klassische Philologie, Mainz)
Auf den Spuren von Herodot und Xerxes: Bilder und Texte zu Schauplätzen des großen Perserkrieges

Anhand von Fotos, Karten und ausgewählten Texten, vorgetragen von André Röder, wurde der Bericht des Historikers Herodot über die folgenreiche Auseinandersetzung zwischen Griechen und Persern veranschaulicht. Dabei wurden die Anmarschwege des Perserheeres, die Anfahrt der Flotte, die Schauplätze und der Verlauf der entscheidenden Kämpfe bei Marathon, Thermopylen, Artemision, Salamis und Plataiai aufgezeigt.



17. Ansgar Lenz (* 1946, Dr. phil., Fachleiter für Latein und Griechisch, Speyer)
Humanistisches Menschenbild und wissenschaftliche Anthropologie

Anthropologie und Humanismus stehen für das Anliegen, den Menschen in seiner Eigenart zu begreifen. Die Anthropologie erhebt dabei wissenschaftlichen Anspruch: Ihr Ziel ist es, den Menschen möglichst wertfrei und umfassend zu beschreiben. Humanismus dagegen meint immer ein bestimmtes Bild vom Menschen, das durch eine bestimmte Bildung erst realisiert werden soll. Ansgar Lenz hat beide Positionen (Was ist der Mensch? - Wie wollen wir den Menschen?) auf ein Drittes bezogen, und zwar das moderne naturwissenschaftlich geprägte Weltbild, das auf der Evolution des Universums und des Lebens auf der Erde beruht. In diesem umfassenden Bezug wurde deutlich, welchen Stellenwert die traditionelle humanistische Bildung heute beanspruchen darf.



18. Michael von Albrecht (* 1933, Professor für Klassische Philologie, Heidelberg)
Catull als Liebesdichter

Mit der Darstellung seiner Liebe zu Lesbia betrat der römische Dichter Catull (ca. 84 - 54 v. Chr.) Neuland, hat er doch als erster römischer Dichter die Liebe und den geliebten Menschen als die höchsten Werte des Lebens dargestellt. Im Mittelpunkt des Vortrages standen die Interpretationen der Gedichte 5 (Vivamus, mea Lesbia, atque amemus), 7 (Quaeris, quot mihi basiationes), 48 (Mellitos oculos tuos, Iuventi) und 76 (Si qua recordanti benefacta priora voluptas). Dabei verglich Michael von Albrecht Catull in vielen Bereichen - etwa bezogen auf den Erfolg in seinem kurzen Leben - mit Mozart.



19. Walter Stark (1936 - 1997, StD, Griechisch, Latein und Erdkunde, Speyer)
Die Sophisten und der Ursprung der Naturrechts-Ideologie

Die Sophisten waren in der abendländischen Geistesgeschichte die ersten, die erkannt haben, dass die Wertvorstellungen der Menschen von Volk zu Volk verschieden und die sich auf ihnen gründenden Gesetze oft willkürlich und widersprüchlich sind. So erwiesen sich die Grundlagen der alten Moral - Tradition, Brauchtum, Religion - als nicht mehr tragfähig. Da die Sophisten aber von der Notwendigkeit der Gesetze überzeugt waren, fanden sie als neue Basis für ihre Gesetzgebung die 'physis' (Natur). Aber bereits die Sophisten haben sich widersprechende moralische Forderungen und Gesetze aus der Natur abgeleitet und damit ungewollt die Natur als eine Leerformel erwiesen, aus der alles Mögliche abgeleitet werden kann und die sich vorzüglich zur ideologischen Absicherung von Herrschaft eignet.



20. Peter Wülfing (* 1930, Professor für Klassische Philologie, Köln)
Der Kassandra-Mythos: Homer - Aischylos - Christa Wolf

Ein Altphilologe liest, betroffen und befremdet, die "Kassandra" von Christa Wolf und untersucht, wie weit die Problematisierung dieser Erzählung von 1983 in der antiken Überlieferung vorbereitet ist, wie weit sie dort undenkbar wäre. Aus der Fülle möglicher Gesichtspunkte wurden drei ausgewählt: ein literarischer, der Vergleich mit Aischylos' "Agamemnon"; ein feministischer, im Anschluss an J. J. Bachofens "Mutterrecht"; ein pazifistischer, über die 'weibliche' Mythologie des Friedens und die 'Logik' des Krieges in der Ilias und bei Christa Wolf.



21. Heinz Munding (* 1923, StD i.R., Griechisch, Latein und Ethik, Schwegenheim)
Ein nachhomerischer Streit um die wahre Tüchtigkeit: Hesiod, Tyrtaios

Das griechische Wort für Tüchtigkeit lautet 'areté', und das bedeutet ursprünglich "Bestheit" (die Übersetzung mit Tugend wäre hier irreführend, da für uns bei diesem Wort auch spätantike bzw. christliche Bedeutungen mitschwingen). Schon früh galt für junge und ehrgeizige Griechen die Maxime "Immer der erste zu sein und vorzustreben den anderen" - doch auf welchem Gebiete? Hier zeigen sich in der Abfolge Homer -> Hesiod -> Tyrtaios bestimmte Schwerpunktverlagerungen, die auch heute noch unser Interesse verdienen, auch wenn wir inzwischen über den Wert von "Leistungsstreben" geteilter Meinung sind. Im Vortrag wurde nun darüber hinaus gezeigt, dass es hier vielleicht direkte polemische Bezugnahmen der beiden späteren Rhapsoden auf den jeweiligen Vorgänger in Form von Zitierungen gegeben hat.



22. Klaus Sallmann (* 1934, Professor für Klassische Philologie, Mainz)
Moderne Gedankengänge bei Lukrez

Eine Naturwissenschaft im modernen Sinne, die theoretische Vorgaben durch gezielte Experimente bestätigt, kennt die Antike nicht. Gleichwohl weisen bestimmte Vorstellungen der griechischen Naturphilosophen erstaunliche Ähnlichkeiten mit der heutigen Physik auf. Dies trifft vor allem für die materialistische Naturanschauung des Philosophen Epikur (um 300 v. Chr.) zu, der sich weitgehend an den Atomismus seines Lehrmeisters Demokrit (um 400 v. Chr.) anlehnt, selbst aber am genauesten im lateinischen Lehrgedicht "Über die Natur" des Römers Lukrez (gest. 54 v. Chr.) zu erfassen ist. Obwohl nun der moderne Atombegriff von seiner Herkunft und Konzeption her nichts mit dem antiken Atom zu schaffen hat, liegen beiden verblüffend parallele Gedankenmodelle zugrunde, die an die Grenzen der Metaphysik führen und sogar in diese hinein. Hier tritt an die Stelle der Physik (Werner Heisenberg) der moderne Empirismus des sog. Wiener Kreises (Rudolf Carnap) und die Ontologie Ludwig Wittgensteins.



23. Heinrich Chantraine (* 1929, Professor für Alte Geschichte, Mannheim)
Das Christentum am Ende der letzten großen Verfolgung: eine Situationsanalyse

Die letzte große Verfolgung (303 - 311/13) hat das Christentum, obwohl nicht wenige schwach geworden waren, siegreich bestanden. Das Toleranz-Edikt 311 brachte die offizielle Erlaubnis christlicher Religionsausübung, aber zugleich auch ihre Inanspruchnahme für den Staat. Unmittelbar darauf hat Constantin d. Gr. das Christentum gefördert, am Ende des 4. Jahrhunderts war es zur Staatsreligion geworden. Der errungene Sieg war mit mehreren Problemen belastet: 1. Die Verfolgungszeit war aufzuarbeiten - Verdächtigungen und Emotionen waren abzubauen, den Schwachgewordenen Verzeihung zu gewähren.
2. Es fehlte eine höchste Autorität der Christenheit, die auf Einheit und Einheitlichkeit in Kirchenzucht, sakramentalem Leben und allgemein in Glaubensfragen hinwirken konnte sowie kirchliche Belange verbindlich gegenüber der weltlichen Macht zu vertreten imstande war.
3. Das Verhältnis zur weltlichen Macht war neu zu bestimmen und zu gestalten. Vom Sieg gewissermaßen überrascht und zu schnellen Entscheidungen gezwungen, waren die Christen nur zu sehr geneigt, oft auch gehalten, Gegebenheiten hinzunehmen, gerne akzeptierten sie die vom Kaiser gebotene Hilfe und begaben sich in Abhängigkeit, die dem Wesen und der Aufgabe der Kirche abträglich waren.



24. Annalis Leibundgut-Mayer (* 1932, Professorin für Klassische Archäologie, Mainz)
Der Apoll vom Belvedere: Aufstieg und Niedergang einer Kultfigur

Der Apoll vom Belvedere gehört zum Kern der päpstlichen Antikensammlungen im Vatikan. Seit dem späten 15. Jahrhundert bekannt, jahrhundertelang als eine der schönsten Antiken bewundert und nachgeahmt, galt die Statue bis weit ins letzte Jahrhundert als das "Wunder der Kunst" schlechthin. Mit dem Bekanntwerden der Parthenon-Skulpturen im frühen 19. Jahrhundert erhielt die antike Kunst "einen neuen Mittelpunkt". Die unterschiedliche Beurteilung der Statue bis in jüngste Zeit gibt Anlass zur Frage nach allgemeinen Wertkriterien. Die Rezeption des Apoll in Literatur und Kunst vermag auch Aufschluss zu geben über den Geschmack kulturtragender Schichten und über die ideengeschichtlichen und politischen Hintergründe der Geschmackswandlungen.



25. Hans-Armin Gärtner (* 1930, Professor für Klassische Philologie, Heidelberg)
Die Plebejer wollen Consuln werden: Die Darstellung des Titus Livius von den Ständekämpfen in Rom und die Argumente des Volkstribunen Canuleius

Nach der Darstellung des Titus Livius setzte sich in den Ständekämpfen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. der Volkstribun C. Canuleius im Jahre 445 v. Chr. dafür ein, dass Ehen zwischen Patriziern und Plebejern gültig sein sollten und einer der Consuln Plebejer sein könnte. Diese Forderung vertritt Canuleius in einer Rede (Livius IV, 3-5). Seine Argumente, die größtenteils aus der sog. Zeit der römischen Revolution (133 - 31 v. Chr.) stammen dürften, sind heute aktuell. Es geht um den politischen Konsens, um Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, 'virtus' als Leistung für den Staat und um den politischen Fortschritt.



26. Udo Reinhardt (* 1942, Dr. phil., Akad. Direktor, Klassische Philologie, Mainz)
Metamorphosen des Labyrinths im Spiegel des Narziss: Griechische Mythen in der Bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts

Mit der Krise der abendländischen Tradition zu Beginn unseres Jahrhunderts schien auch für die Rezeption griechischer Mythen die 'Götterdämmerung' hereingebrochen. Tatsächlich finden sich mythische Themen in der Bildenden Kunst der Moderne seltener; um so bemerkenswerter, wie bewusst und variabel sie verwendet werden, wie präzise sie Themen unserer Zeit widerspiegeln: Säkularisierung und Individualisierung; Veränderung und Bedrohung im Globalen (Technik), Politischen (Aggression, Gewalt) und Sozialen (Probleme der Kommunikation / Emanzipation). Ausgehend vom Ende der traditionellen Historienmalerei (ca. 1890/1910) und ihrer Nachblüte in der offiziellen Kunst des 3. Reiches entwickelte der Vortrag an Bildern und Skulpturen der 'klassischen Moderne' und 'Avantgarde' (u.a. de Chirico, Brancusi, Ernst, Dix, Beckmann, Matisse, Chagall, Picasso, Dali, Masson Magritte, Delvaux) bis hin zu Plastik, Malerei, Werbegraphik, Karikatur, Comics und Film der jüngsten Zeit eine Art Typologie der unterschiedlichen Rezeptionsformen griechischer Mythen in der Kunst zwischen Jahrhundertwende und Postmoderne: Antike als lebendige Gegenwart, Spiegel modernen Stilgefühls, Brechung neuen Zeitgeistes, Abbild unserer Welt.



27. Carl Heupel (* 1928, StD i.R., Französisch, Latein und Spanisch)
Die Grundlegung der Wissenschaften in Orient und Okzident

Die tiefere Absicht des Vortrags war die Steuerung gegen das Auseinandertriften des Kulturblocks Orient und Okzident, der, noch im Blickpunkt Goethes, aus zwei korrespondierenden Teilen besteht, die seit mehr als zwei Jahrtausenden im Verhältnis des Gebens und Nehmens leben. Während in Antike und Mittelalter das Morgenland weitgehend der Geber war, brachte in der Neuzeit das Abendland der Welt die technische Zivilisation, deren Wurzeln wiederum in den Orient reichen: So sind Buchstaben und Zahlen Gaben des alten Ostens, die unsere westliche Schriftkultur erst ermöglicht haben. Auch in der Er-Fahrung des Raumes waren die Phönizier die ersten Horizont-Überschreiter, auf deren Spuren die Griechen eine wissenschaftliche Beherrschung der geahnten Erd-Kugel entwickelten. Der Funke des hellenistischen Geistes sprühte zum ersten Mal am Rand Europas, im kleinasiatischen Milet, sprang auf Alexandria über und leuchtete eine Zeitlang am Indus auf. Er begründete die abendländische Präsenz in der Welt, die keine Dominanz, sondern eine Convivenz (mit anderen Kulturen) sein sollte!



28. Schülergruppe des Ernst Abbé-Gymnasiums Eisenach (Buch und Regie: Reinhard Bode (* 1962, StD, Griechisch und Latein, Eisenach)
Komposition und musikalische Leitung: Martin Böttcher Flöte und Harfe - göttlicher Widerhall. Eine Annäherung an altgriechische Lyrik in fünf Szenen

1. Szene: Das homerische Epos: Der Anfang schriftlich gestalteter europäischer Literatur und der Boden, aus dem auch die Lyrik erwuchs.
2. Szene: Ein Gastmahl unter gebildeten Griechen: Man streitet, wer der beste lyrische Dichter sei, und betrachtet dabei iambische und elegische Dichtung.
3. Szene: Lyrik im ursprünglichen Sinne ist lyra-begleiteter Gesang: Einzel- und Chorgesang
4. Szene: Witzig inszenierte Alltagssituationen im hellenistischen Epigramm.
5. Szene: Von der Lebenskraft der antiken lyrischen Formen und Inhalte bis weit in christlich-byzantinische Zeit hinein: Verspottung eines Philosophen alter Schule in einem Epigramm aus dem 6. Jahrhundert n. Chr.



29. Antonie Wlososk (* 1930, Professorin für Klassische Philologie, Mainz)
Dido (und Aeneas) in bildlichen Darstellungen von der Antike bis zur Gegenwart

Vergils Aeneis enthält - eingespannt in den Rahmen des römischen Epos - die Tragödie der karthagischen Königin Dido, die sich nach der Abfahrt ihres Geliebten Aeneas auf dem Scheiterhaufen den Tod gibt. In dieser tragischen Rolle der verlassenen Geliebten, einer Rolle, die Vergil geschaffen hat, lebt Dido in allen Zweigen der europäischen Kunst weiter; sie begegnet auf Gemälden, Geweben, in der Buchmalerei und in plastischen Darstellungen, und sie ist als Dramen- und Opernfigur unendlich oft auf die Bühne gebracht worden. Schon in der Antike war sie ein beliebtes Motiv für Schaustellungen, bildende Künstler und Handwerker. Daneben ist aber das Wissen um die ganz andere, tugendhafte Rolle der sittsamen Witwe, die der Gründerin Karthagos in der vor-vergilischen Sage und Geschichtsschreibung zukommt, erhalten geblieben: ihr zufolge gibt sich Dido auf dem Scheiterhaufen den Tod, um sich einer zweiten Ehe zu entziehen und so ihrem verstorbenen Gemahl die Treue zu halten. Auch diese Dido pudica hat Schriftsteller und Künstler zur Darstellung gereizt. Beide Didones sollen im Vortrag zur Anschauung gebracht werden.



30. Jürgen Blänsdorf (* 1936, Professor für Klassische Philologie, Mainz)
Antike und heutige Rhetorik: Chance und Gefahr für die Demokratie

In der Literaturwissenschaft wird die Rhetorik als Lehre von der Kunst des schönen und wirkungsvollen Wortes bewertet und für die Textinterpretation genutzt. Entstanden ist aber die Rhetorik aus der öffentlichen Rede, dem Kampf um das gerechte Urteil und die richtige politische Entscheidung. Sie stellt das Lebenselement jeder Art demokratischer Staatsform dar. Aber die Absicht, der eigenen Position zum Siege zu verhelfen, machte aus ihr bald ein gefährliches Instrument, das wiederum die Demokratie bedrohen kann. Die Mittel, sich auch gegen die Wahrheit durchzusetzen, den Gegner zu verleumden und seine Sache in Misskredit zu bringen, wurden in der antiken Rhetorenschule unverhohlen gelehrt. Aber die schlimmsten Folgen wurden dadurch neutralisiert, dass beide Seiten über die gleichen Kunstgriffe verfügten. Moderne Beispiele aus Wahlpropaganda, Parlamentsrede und Gerichtsplädoyer zeigen, dass die Tricks nicht vergessen sind. Kenntnis der Rhetorik ist auch heute noch die beste Waffe gegen sie.



31. Gabriele Gierlich(* 1954, Dr. phil., Latein, Geschichte und Griechisch, Neustadt / Weinstr.)
Kleopatra: Bild einer Frau

Kleopatra VII (69 - 30 v. Chr.): War sie die letzte "Ägypterin" auf dem Pharaonen-Thron, oder war sie nur eine typische Vertreterin der griechischen Dynastie, der sie entstammte, also nichts anderes als eine Fremdherrscherin im Land am Nil? War sie nur eine bildschöne Frau, der ihre äußeren Reize Vorteile verschafften, oder war sie eine eiskalte Machtpolitikerin? Sind die Rätsel um die Königin, die 30 v. Chr. angesichts des römischen Sieges über ihre Flotte vor Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, kapitulierte und Selbstmord beging, überhaupt zu lösen? All diese Fragen sollen in dem historischen Vortrag, der mit Lichtbildern illustriert wird, zur Sprache kommen. Inwieweit sie beantwortet werden können, wird eine Auseinandersetzung mit dem vorhandenen Quellenmaterial zeigen müssen. Eines kann man jedoch festhalten, Kleopatra ist mit Sicherheit die berühmteste und bis heute bekannteste Herrscherin auf dem Pharaonen-Thron gewesen und ihre Lebenszeit vereint in einzigartiger Weise die griechische und römische Geschichte mit der Ägyptens. Wer immer sich für die Antike interessiert, kann nicht umhin, sich mit dieser faszinierenden Gestalt auseinanderzusetzen, die im Brennpunkt des Machtkampfes zwischen Orient und Okzident steht und mit der eine Ära zu Ende geht.



32. Udo Reinhardt (* 1942, Dr. phil., Akad. Direktor, Klassische Philologie, Mainz)
Griechische Mythen in der Bildenden Kunst des Dritten Reiches

Zum Thema: Bildthemen des griechischen Mythos spielen in der offiziellen Kunst des Dritten Reiches eine beträchtliche Rolle. Die jüngste Ausstellung "Kunst und Diktatur" (Wien, Künstlerhaus 1994) behandelte diesen Aspekt nur am Rande. Der Vortrag präsentiert das begrenzt vorliegende, weithin unbekannte Material möglichst vollständig; zugleich versteht er sich als Beitrag einerseits zur Bewältigung eines durch Tabuisierung vorbelasteten Kapitels deutscher Kunst, andererseits zur notwendigen Auseinandersetzung mit der neuen Rechten. Gliederung:
1. Griechische Mythen als Mittel politischer Propaganda im Dritten Reich
2. Griechische Mythen in der Skulptur des Dritten Reiches
3. Griechische Mythen in der Malerei des Dritten Reiches
4. Griechische Mythen als Ausdruck künstlerischen Widerstands im Dritten Reich
Zum Inhalt: Ausgehend von der einseitig rassenideologischen Interpretation des hellenischen Erbes in Alfred Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" (1930) werden zunächst Beispiele behandelt, in denen Mythenthemen (z.B. Athene, Europa) als Mittel offizieller Propaganda erscheinen (Tag der Deutschen Kunst 1937, Europäischer Jugendkongreß 1942, NS-Karikatur). In der Skulptur des Dritten Reiches finden sich Mythenthemen sowohl in der akademisch-klassizistischen Tradition (z.B. Klimsch, Kolbe, Wackerle) als auch in der manieristischen Tradition (Monumentalplastik: Breker, Thorak). Die Malerei, entscheidend durch den Kunstgeschmack Hitlers selbst geprägt, schließt unmittelbar an deutschnationale Tendenzen der wilhelminischen Kunst und der zwanziger Jahre an; ihr eklatantes Qualitätsdefizit erklärt sich durch die totale Ausschaltung der progressiven Kunstsubstanz der Moderne, insbesondere des Expressionismus. Abschließend werden Beispiele behandelt, in denen Mythenthemen, die teils in der NS-Kunst vorkommen (z.B. Europa, Mars und Venus, Prometheus), teils nicht (z.B. Kassandra, Saturn kinderverschlingend), von Künstlern des Widerstandes (Beckmann, Oelze, Hofer, Kubin, Gerhard Marcks) mit bemerkenswert kritischer Ernsthaftigkeit verwendet werden.



33. Glenn W. Most (* 1952, Professor für Klassische Philologie, Heidelberg)
Sappho: Die große Dichterin und ihr Nachleben

Das Nachleben vieler antiker Autoren zeigt merkwürdige Schwankungen und erstaunliche Missverständnisse und Verschiebungen; aber vielleicht bei keinem anderen antiken Autor ist das Nachleben so seltsam gewesen wie bei Sappho, nicht nur in dem außerordentlichen Kontrast zwischen den wenigen Überresten ihrer Werke und dem weitverbreiteten Ruhm ihrer Person bei dem allgemeinen Publikum, sondern auch in den riesigen Veränderungen in der Art und Weise dieses Ruhms über die Jahrhunderte hinweg. Für unsere Kultur ist Sappho vor allem das Sinnbild weiblicher Homosexualität - ja, die Worte "Sapphisch" und "Lesbisch" werden aufgrund moderner Auffassungen von ihr auf dieses Phänomen angewendet - und die Verfasserin einer kleinen Anzahl überlieferter Gedichte und Fragmente, von denen einige, mindestens in Übersetzung, sogar außerhalb philologischer Kreise bekannt sind; dagegen scheinen die Einzelheiten ihrer Biographie heutzutage wenig zu interessieren. Vor zwei Jahrhunderten war die Sache genau umgekehrt. Damals war Sappho vor allem das Sinnbild unglücklicher heterosexueller Liebe, wie ihre angebliche Biographie bewies; dagegen waren die überlieferten Fragmente ihrer Gedichte weit weniger wichtig. Wie lässt sich dieser Sachverhalt erklären? Die Antwort wirft Licht nicht nur auf Sappho, sondern auch auf uns.



34. Christoph Klock (* 1954, Dr. phil., Griechisch, Latein und kath. Theologie)
Heidnische und christliche Bildung und Erziehung in der Spätantike

Einige Stationen des Prozesses, an dessen Ende die Kirche nach etlichen Rückschlägen doch zur Erbin und Bewahrerin der antiken Kultur und Bildung wurde, wurden im Vortrag aufgezeigt. So standen Christentum und antike Bildung von Beginn an in einem kritischen, vielfach belasteten, mitunter kontroversen Dialog. Doch während die Kirche im 4. Jahrhundert nach dem Ende der Verfolgungen allmählich in den Status einer Reichs- und Staatskirche hineinwuchs, blieben die Bildungsinstitutionen und die an ihnen vermittelten Inhalte weiterhin eine Domäne des Heidentums, der christliche Einfluss war gering. Der Zwiespalt ging so weit, dass Kaiser Julian, der vielleicht berühmteste Rekonvertit nicht nur der Spätantike, den Christen das Recht auf Bildung überhaupt bestritt.



35. Erika Simon (* 1927, Professorin für Klassische Archäologie, Würzburg)
Philoktetes: Ein kranker Heros

Philoktetes verlor durch den Biss einer Schlange zehn Jahre seines Heroenlebens. Dessen Stationen wurden in einer Auswahl antiker Darstellungen vorgeführt - von der Freundschaft mit Herakles, der ihm vom Scheiterhaufen herab seinen unfehlbaren Bogen vererbt, über den Schlangenbiss auf dem Feldzug nach Troja, das Dahinvegetieren des Behinderten in einer Höhle auf der Insel Lemnos bis zur Gesandtschaft der Achäer dorthin, da sie ohne Philoktet Troja nicht einnehmen konnten. Die Gesandtschaft wurde von allen drei großen Tragödien-Dichtern Athens auf die Bühne gebracht, wodurch der kranke Philoktet als eine der tragischsten Gestalten im Gedächtnis der Antike lebte: ein Mann von herkulischer Kraft, die aber nutzlos ist, da die schwärende Wunde nicht heilen will. Es war für die antike Bildkunst eine Herausforderung, einen solchen kraftvollen und zugleich durch das Schlangengift geschwächten Heros darzustellen. In der Frühklassik, als Aischylos ihn für die tragische Bühne entdeckte, entstanden in Athen die ersten Bilder des kranken Philoktet. In der Spätklassik ist die Gestalt des Dulders auf Lemnos vielfältig aus Italien überliefert, aus Campanien und Etrurien, wo der leidende Heros geradezu populär war. Aufgrund einer Darstellung eines augusteischen Silberbechers, der sich in Kopenhagen befindet, wird eine der berühmtesten Skulpturen der Antike, der Torso im Belvedere des Vatikan, mit neuen Argumenten als Philoktet gedeutet.



36. Otto Roller (* 1927, Professor, Direktor i.R. des Historischen Museums der Pfalz, Speyer)
Interpretatio Romana - Interpretatio Gallica: Gallorömische Wallfahrtsorte in Frankreich

Seit Tacitus nennt man die Adaption gallischer Gottheiten durch die Römer "Interpretatio Romana". Lange ist aber auch schon klar, dass dies keine Einbahnstraße gewesen sein kann, dass es auch eine "Interpretatio Gallica" gab. Gute Beispiele dafür bilden in Frankreich gelegene Wallfahrtsorte, die es in dieser Größenordnung in den Nordwest-Provinzen des Römischen Reiches sonst nicht gab. Behandelt wurde aber auch die Verflechtung zwischen gallischer Religion und den Selbstverwaltungsorganen der gallischen Stämme, was für die römische Herrschaft in Gallien von größter Bedeutung war.



37. Kai Brodersen (* 1958, Professor für Alte Geschichte, Mannheim, wohnhaft in Speyer)
Der Ruhm des Erfinders: Fortschritt in der antiken Technik?

"Das gab es schon im Altertum" - in diesem Jugendbuchtitel ist eine weitverbreitete Ansicht zur antiken Technik zusammengefasst, die darauf verweist, dass eine Vielzahl von Erfindungen also bereits in der Antike bekannt war, und die daraus ableitet, wie fortschrittlich die antike Technik war.
Konträr dazu steht etwa im "Reallexikon für Antike und Christentum" die Auffassung, in der antiken Technik habe die Theorie meist gegenüber der Praxis überwogen, und obendrein trete "als Charaktermerkmal bei so manchen Erfindungen das spielerische Moment allzu stark hervor"; Fortschritt gebe es in der antiken Technik mithin kaum.
Anhand von in Bild und Wort vorgestellten Beispielen will der Vortrag einen Lösungsvorschlag für diese kontroverse Diskussion machen: Im Mittelpunkt antiken "Fortschrittsdenkens" in der Technik steht, so scheint es, der Ruhm des Erfinders.



38. Peter Schunck (Professor für Romanistik, Germersheim, wohnhaft in Speyer)
Römische Lebenskunst bei Montaigne

Wenige Autoren haben so sehr aus dem Schatz der antiken und insbesondere der lateinischen Literatur geschöpft wie Michel de Montaigne (1533 - 1592), und doch hat er etwas Neues geschaffen mit der offenen Form der 'Essais', einem Buch der Weltliteratur, dessen tiefen Einsichten und dessen heiterer Bejahung des Lebens sich auch der moderne Leser nicht entziehen kann. Nietzsche sagte von Montaigne, den er sehr schätzte: "Dass ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden. Mir wenigstens geht es seit dem Bekanntwerden mit dieser freiesten und kräftigsten Seele so." Statt Normen des Verhaltens aufzustellen, beschreibt Montaigne die Widersprüchlichkeit des Bestehenden.



39. Friedrich Maier (Professor für Klassische Philologie, Humboldt-Universität Berlin, Vorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes, wohnhaft bei München)
Ikarus als Fürst der abendländischen Mythologie: Symbol für die Existenzgefährdung der Menschheit

Ikarus gilt aus Sicht der Amerikaner als "Fürst der abendländischen Mythologie". Diese Stellung verdankt er seiner in verschiedenste Richtungen gehenden Rezeptionsrolle in der europäischen Kultur. In unserem Jahrhundert hat sich diese Rolle auffallend gesteigert und verändert. Stand lange Zeit Ikarus' leidenschaftlicher Drang zu fliegen zeichenhaft für den Freiheitsdrang des Menschen, so hat sich der mythische Held zuletzt immer mehr zum Symbol für die Existenzgefährdung der Menschheit entwickelt.
Der Vortrag will zeigen, wie es im Zusammenwirken von Griechenland und Rom zu diesem europäischen Symbol kommen konnte. Es wird der Wurzel einer großen kulturellen Tradition nachgespürt. An Bildern der Rezeption von der Antike bis zur Moderne tritt dies eindrucksstark vor das Auge.



40. Wolfgang Schiering (Professor für Klassische Archäologie, Mannheim, wohnhaft in Heidelberg)
Die Wirkungen der klassischen Architektur Griechenlands auf die klassizistische Baukunst des 19. Jahrhunderts

Nach einem Blick auf Zeichnungen und Gemälde unteritalischer und griechischer Tempelarchitektur, die in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. Griechisches wiederentdecken halfen, werden tempelgestaltige Kirchen dieser Zeit, vor allem aber verschiedene Bauten aus Europa und Amerika gezeigt, die aufgrund der Stichwerke griechischen Vorbildern nachgebaut worden sind.
Da sich das griechisch orientierte Bauen in Deutschland vor allem auf Berlin (C.G. Langhans, F. Gilly und F. Schinkel) und auf München (L. v. Klenze, C. Haller von Hallerstein) konzentriert hat, stehen die dortigen Bauwerke vom Brandenburger Tor in Berlin bis zur Festhalle auf der Theresienhöhe in München im Mittelpunkt des Vortrages, der aber auch auf einen interessanten Nachklang der griechischen Klassik im Fries der Ostfront des Gymnasiums am Kaiserdom eingehen wird.



41. Christiane Reitz (Dr. habil., Klassische Philologie, Mannheim)
Die Gleichnisse des Neuen Testaments und ihre Exegese aus literaturwissenschaftlicher Sicht

Zunächst wird ein kurzer Abriss der antiken Theorie des Gleichnisses vorgestellt. Die Ansatzpunkte liegen im wesentlichen auf der einen Seite bei Aristoteles, der sich vor allem in der Rhetorik zur Verwendung von Gleichnissen in der Rede äußert. Auf der anderen Seite muss man die homerischen Gleichnisse und ihre Deutung durch die antiken Erklärer in Betracht ziehen.
In einem zweiten Schritt wird versucht werden, die Hauptlinien der Interpretationsansätze für die Gleichnisse des NT zusammenzufassen. Keiner der zahlreichen und vielfältigen Ansätze kann offenbar bis heute den Anspruch erheben, allgemein anerkannt oder auch nur als Arbeitsmodell akzeptiert zu sein. Es wird zu fragen sein, warum das so ist.
In einem kurzen abschließenden Teil soll ein neuerer Deutungsansatz beispielhaft vorgestellt werden, der einem Teil der Problematik doch immerhin Rechnung zu tragen scheint.



42. Hartmut Loos (* 1958, StD, Latein und Ev. Religion, Speyer)
Das Grab Philipps II von Vergina: Ein historisches Symbol griechischer Identität

Anlass dieses Vortrages ist der Besuch des Grabes Philipps II, des Vaters Alexanders des Großen, in Vergina im Rahmen eines Schüler-Austausches des Gymnasiums am Kaiserdom mit der Deutschen Schule in Thessaloniki im Mai 1998.
Mit der Eröffnung des neuen Museums an Weihnachten 1997, eines modernen Betonkuppelbaus im großen Tumulus, wurde Vergina rund 500 Kilometer nördlich von Athen zum historischen Symbol griechischer Identität. In der Auseinandersetzung mit der früheren jugoslawischen Republik Makedonien stellt sich dabei die Frage, ob es eine Nation der Makedonen gibt und gab, wie von Seiten des freien Staates Makedonien behauptet wird, oder ob die antiken Makedonen ganz und gar Griechen waren, wie aus griechischer Sicht dargelegt wird.
Nach einer Einführung über Athen als historisches Symbol griechischer Identität und einem Überblick über die Geschichte Makedoniens in der Antike wird Vergina mit seiner Palastanlage, seinem Theater, in dem Philipp II 336 v. Chr. ermordet wurde, und dem großen Tumulus mit den Königsgräbern im Mittelpunkt stehen.
Die Präsentation der einzigartigen Grabschätze aus Gold, Silber, Bronze, Elfenbein und Eisen mit Dias wird einen großen Raum einnehmen.
Abschließend soll die Problematik der heutigen Verwendung des "Sterns von Vergina" und der Bezeichnung Makedonien für die ehemalige jugoslawische Republik betrachtet werden.



43. Walter Mesch (Dr. phil., Seminar für Philosophie, Heidelberg)
Das Problem der Zeit in der Antike: Platon, Aristoteles, Augustinus

Die Zeit ist im 20. Jahrhundert auf den verschiedensten Feldern und Ebenen so lebhaft diskutiert worden wie kaum etwas anderes. Neben wissenschaftlichen Theorien findet sich eine Flut von Lebenshilfen, die angesichts der Beschleunigung des modernen Lebens Rat versprechen. Doch die Lage ist unübersichtlich. Auch der gegenwärtigen Philosophie gelingt es kaum, den Zusammenhang hochspezieller Zeit-Theorien und ihre Bedeutung für die Praxis verständlich zu machen. Es mag deshalb hilfreich sein, einen Blick auf die Antike zu werfen, in der das Problem der Zeit noch nicht in eine Vielzahl von praxisfernen Detailproblemen zerfallen war. Besonders deutlich ist die Verbindung von Theorie und Praxis, Metaphysik und Naturphilosophie in der Zeitauffassung des Platonischen Timaios. Der Vortrag wird von Platon ausgehen, um dann die Entwicklung bei Aristoteles und Augustinus zu erläutern.



44. Paul Barié (* 1932, StD a.D., regionaler Fachberater Latein, Annweiler)
Am Anfang war das Wasser. Die Bedeutung des Wassers in den Weltschöpfungsmythen

In vergleichender Darstellung wird das Urphänomen Wasser im Zusammenhang mit den Mythen von der Schöpfung der Welt untersucht; aus einer unabsehbaren Fülle von Wassermythologien werden einige Aspekte ausgewählt:
Die Kosmogonie: Genesis 1, 1 - 10 und das wässrige Chaos des Anfangs,
die Anthropogonie: Genesis 2, 4b ff. und das Wasser im Paradies,
die polytheistische Vielfalt aquatischer Potenzen in Hesiods Theogonie,
das (rumänisch-osteuropäische) Mythenmärchen vom kosmogonischen Taucher.
In letzterem ist uns eine uralte und weltweit verbreitete Schöpfungserzählung erhalten, die eine überraschende Deutung der menschlichen Existenz ermöglicht.



45. Christian Pietsch (Dr. habil., Klassische Philologie, Mainz)
Ewige, notwendige Welt ohne Schöpfer oder Welt als kontingente Schöpfung Gottes? Zum Verhältnis paganen und christlichen Weltverständnisses in der Spätantike

Vergleicht man das aus heutiger Sicht für die Antike charakteristische traditionelle Weltbild, wie es sich mit dem Namen des Aristoteles verbindet, mit dem in der Spätantike aufkommenden Weltbild des Christentums, so scheinen schon auf den ersten Blick grundlegende Unterschiede hervorzutreten. Das aristotelische Weltbild beruht zum einen auf der Annahme der unveränderlichen Dauer der Welt in all ihren wesentlichen Konstituentien. Selbst im sublunaren Bereich, für den Aristoteles Veränderungen, darunter auch individuelles Entstehen und Vergehen konstatierte, wird die arthafte und generische Konstanz der Verhältnisse im belebten wie im unbelebten Bereich gewahrt. Zum anderen scheint die aristotelische Konzeption die Welt einfach in ihrem faktischen Vorhandensein zu akzeptieren und zu beschreiben, ohne dass sie auf einen Schöpfer zurückgeführt wurde. Die Welt scheint gleichsam autonom ewig in sich selbst zu ruhen.
Gegenüber dieser statischen Sichtweise erweckt dagegen das Christentum den Eindruck, etwas völlig Neues, eine dynamische Sicht der Welt aufzubringen. Zwar kennt auch das spätantike Christentum keine Evolution im modernen Sinn, die Welt ist in sich konstant, solange sie besteht. Doch der Gedanke von einer zeitlichen Ewigkeit der Welt ist ihm fremd. Die Welt wird punktuell, in einem Augenblick aus dem Nichts erschaffen und vergeht am Ende der Zeiten wieder. Über diesen dynamischen Aspekt hinaus tritt aber auch noch eine personale Schöpfergestalt hinzu. Die Welt ist nicht autonom, sondern ganz und ausschließlich des ewigen, unveränderlichen Gottes vergängliches Geschöpf, das nach seinem Willen entsteht und vergeht.
Prallten also hier zwei in wesentlichen Punkten diametral entgegengesetzte Auffassungen aufeinander, von denen die christliche dank der weiteren historischen Entwicklung schließlich den Sieg davontrug und das mittelalterliche und sogar noch das moderne Weltverständnis von der Gewordenheit der Welt bestimmte? Fassen wir in der Beantwortung dieser Frage einen der wesentlichen Epochenunterschiede zwischen der Antike und den späteren historischen Phasen? Das Verhältnis paganer und christlicher Weltewigkeits- bzw. Weltschöpfungskonzeption zu untersuchen, soll Aufgabe des Vortrags sein.



46. Gabriele Gierlich (* 1954, Dr. phil., Latein, Geschichte und Griechisch, Neustadt / Weinstr.)
Rom und Ägypten: Eine Hassliebe

Nachdem Augustus im Jahre 30 v. Chr. Ägypten dem Imperium Romanum unterworfen hatte, begann die gemeinsame wechselvolle Geschichte der beiden Reiche. Über Jahrhunderte hinweg konnte sich die Beziehung Roms zu Ägypten nicht von dem Hass befreien, den man der letzten Königin Ägyptens - Kleopatra - entgegengebracht hatte und den man nun, von ihrer Person ausgehend, auf die ganze Bevölkerung übertrug. Die von Augustus gegen Kleopatra eingesetzte Propaganda-Maschinerie vergiftete das Klima zwischen Siegern und Unterworfenen nachhaltig.
Doch neben der Verachtung für Ägypten kann Rom die Bewunderung für die kulturelle Hinterlassenschaft der frühen Hochkultur am Nil nicht verhehlen. Der Weg zwischen Ablehnung und Faszination, den man von römischer Seite aus beschreitet, hinterlässt bei beiden Beteiligten Spuren. Ägypten wird mit römischen Traditionen konfrontiert, Rom kann sich ägyptischer Kultur nicht verschließen.
Der zeitliche Rahmen der Beziehung Roms zu Ägypten, mit dem sich der Vortrag schwerpunktmäßig befassen wird, reicht bis ins 2. Jh. n. Chr., ein kurzer Ausblick auf das 3. und 4. Jh. n. Chr. wird sich anschließen.
Da aber die Begegnung Roms mit Ägypten nicht nur Auswirkungen auf die antike Welt hatte, sondern auch auf spätere Zeiten, wird der Diavortrag auch kurz auf die Folgen für das nachantike Europa eingehen.



47. Hans-Joachim Glücklich (* 1941, StD, Latein und Griechisch, Mainz, Honorarprofessor Heidelberg, Präsident von Euroclassica)
Die schöne Helena: Von Sparta nach Hollywood

Die schöne Helena hat der Sage nach den Trojanischen Krieg ausgelöst. Der antike Mythos sagt, dass die Göttin Aphrodite (Venus) mit den Göttinnen Athene (Minerva) und Hera (Juno) um den Preis der Schönsten kämpfte; der Trojaner Paris sei Schiedsrichter gewesen und habe Aphrodite den Preis gegeben, weil sie ihm Helena zur Frau versprochen habe. Problem war: Er musste sie ihrem wenig geliebten Mann Menelaos aus Sparta entführen. Das löste dann den Trojanischen Krieg aus. Helena spielt in Dichtung und Kunst der Antike eine große Rolle. Ebenso ist sie im Mittelalter und in der Neuzeit Hauptfigur in Opern, Operetten, Schauspielen und in dem Hollywood-Monumentalfilm "Helen of Troy" (deutsch: "Der Untergang von Troja"). In den Epen Homers wird Helena sehr sachlich behandelt. Bei dem römischen Dichter Ovid wird Helena ein Beispiel für römische Ehefrauen und ihre Situation, im Hollywoodfilm schimmern die Probleme der amerikanischen Gesellschaft durch. Der Vortrag stellt verschiedene Fassungen des Helena-Mythos vor und versucht an diesem Beispiel auch zu zeigen, warum der antike Mythos noch immer ein Mittel bleibt, sich die Gegenwart verständlich, erträglich oder interessant zu machen.



48. Rosmarie Günther (Akademische Oberrätin an der Universität Mannheim)
Die stille Reserve - Adlige Frauen in der späten römischen Republik

Römische Aristokratinnen waren mit Sicherheit keine ?Heimchen am Herd', sondern spielten selbst im Bereich der Politik eine vielfach unterschätzte, sehr wirksame Rolle. So traten sie vergleichsweise früh zur Zeit des alten Cato im Kollektiv auf, um ihre Interessen zu vertreten oder setzten sich gemeinsam für Belange ihrer Familien ein. Sie repräsentierten ihre gens in der Öffentlichkeit durch ihre Teilnahme am Kult. Sie stärkten ihre Familien politisch durch Heiratsallianzen oder bildeten politisch-kulturelle Kristallisationspunkte im Stil eines Salons. In den Wirren der Bürgerkriegszeit verhalfen sie ihren Männern zur Flucht, übernahmen Aufgaben der Abwesenden oder bewirkten deren Begnadigung. Kurz - wo immer ?Not am Mann' war, füllten die römischen Aristokratinnen mit großer gesellschaftlicher Akzeptanz diese Lücke. Der Vortrag will zeigen, dass selbst in patriarchalen Gesellschaften Frauen über das Ansehen und die Hausmacht ihrer Familie großen Einfluss gewinnen konnten - ein Phänomen, das die Rolle der Ministerpräsidenten in Südostasien zu erklären vermag.



49. Cornelia Ewigleben (Direktorin des Historischen Museums der Pfalz)
Gladiatoren und Caesaren - Die Macht der Unterhaltung im antiken Rom

Mit dieser Sonderausstellung, die in Hamburg, Speyer und London gastiert, ist das Historische Museum der Pfalz vom 9. Juli bis zum 1. Oktober 2000 ganz auf die Unterhaltung im antiken Rom eingestellt. Rund 200 Exponate spannen einen Bogen von der antiken Tragödie und Komödie über Schwerathletik und Wagenrennen bis hin zu den Gladiatorenspielen. Die Ausstellung gibt einen Einblick in die wohl eindrucksvollste Form der Massenunterhaltung der Geschichte. Damals wie heute waren die Athleten Volkshelden, die die Menschen zu begeistern vermochten. Antike Fan-Artikel und glorifizierte Darstellungen der Helden in Rundplastik und Reliefs zeugen von ihrem gesellschaftlichen Stellenwert.



50. Bernhard Andreae (Professor, Rom)
Das Weltreich des Kaisers Hadrian, Vorbild des Vereinten Europa

Kaiser Hadrian (117-138) regierte ein Weltreich, das vom Umfang her noch weit größer war als das Vereinte Europa. Er hatte die römische Eroberungspolitik als beendet erklärt, die Grenzen festgelegt und seine Politik auf einen Ausbau im Inneren ausgerichtet. In der Tat blühten unter dieser Politik die Provinzen auf, die zivilisierte Welt erlebte eine so nie gekannte Periode des Friedens, der Sicherheit und des allgemeinen Wohlstands, von dem zahlreiche wenigstens in Ruinen erhaltene Bauten in allen Gegenden des Reiches noch heute zeugen. Nicht wenige Rätsel und Fragen gibt in diesem Zusammenhang die große Villa auf, die Kaiser Hadrian vor den Toren Roms, unterhalb von Tivoli in der Campagna auf einem Areal von nahezu 200 Hektar errichten ließ. Nach der grundlegenden Erforschung der Villa durch den deutschen Archäologen Heinz Kähler war es die Meinung der Forschung, dass der als Architekt dilettierende Kaiser hier seine maßlose Bauleidenschaft befriedigt habe und barocke Architekturphantasien nach eigenen Entwürfen im großen Maßstab ausführen ließ. Neue Forschungen der letzten Jahre, bevor die Villa in diesem Jahr durch die Unesco in das Kulturerbe der Welt aufgenommen wurde, konnten zeigen, dass der Kaiser in dieser Villa Gesandtschaften aus aller Welt empfangen und ihnen vorführen konnte, wie man die befriedete und durch Limesmauern abgeschlossene Welt mittels architektonischer und landschaftsgestaltender Anlagen der verschiedensten Art verschönern und lebenswert machen konnte. Diese erstaunliche Ansammlung von Bauten ist also weder sinnlos, noch der Befriedigung eines einzigen vorbehalten, sondern sie hat Modellcharakter und kann dem Besucher einen Eindruck davon geben, wie die Politik des Kaisers in einer Zeit, die kein Fernsehen kannte, in die Wirklichkeit umgesetzt und bis an die Grenzen des Reiches vermittelt werden konnte. Das Nachdenken darüber kann uns auch dabei helfen, heute die Möglichkeiten auszuschöpfen, die das Vereinte Europa uns bietet.



51. Jürgen Blänsdorf (Professor, Mainz)
Vom klassischen Drama zur Music-Show - Die Theater der römischen Kaiserzeit und ihre Spielpläne

Theaterbauten der griechischen Klassik, der hellenistischen Epoche und der römischen Kaiserzeit sind die zahlreichsten und ausgedehntesten Großbauten der Antike, die weit über die Mittelmeerländer hinaus das Interesse der heutigen Besucher wecken. Aber nur von wenigen griechischen Theatern können wir sagen, dass dort die überlieferten Tragödien und Komödien aufgeführt worden sind. In den Riesentheatern der römischen Kaiserzeit wurden weder die Komödien des Plautus oder Terenz noch die Tragödien Senecas aufgeführt. Der Vortrag geht der Frage nach, wozu die Theater dienten und welche Bedeutung sie für die kaiserzeitlichen Städte hatten.



52. Severin Koster (Professor, Erlangen)
Ein Festlied zur Jahrhundertfeier - das "carmen saeculare" des Horaz

Im Jahr 17 v. Chr. ließ Augustus ein Säkularfest veranstalten, das als große religiöse Staatsfeier dem Eintritt in eine neue Zeit mit dem symbolträchtigen Ritus aus der Geschichte Roms die angemessene Weihe geben sollte. Während dreier Tage und Nächte wurde das Fest begangen, dessen uns erhaltenes inschriftliches Protokoll bestätigt, was wir aus der Textüberlieferung wissen. Der Dichter Horaz hatte den Staatsauftrag erhalten, das Jahrhundertlied für einen Chor von Knaben und Mädchen zu verfassen. Dieses Lied ist mit seinen neunzehn Strophen eine der ganz großen Oden des Horaz, wurde aber nie so bekannt wie viele seiner anderen Gedichte. Der besondere Reiz, diese Ode zu interpretieren, liegt nicht nur in einer gewissen kalendarischen Aktualität, sondern vor allem darin, wie sie als Festgesang den rituellen, als Gedicht den literarischen und als Nationallied den politischen Ansprüchen gerecht wird.



53. Professor Dr. Werner Sauerbaum (Professor, München)
Begegnung mit der Antike, Vergil Visuell

Am Donnerstag, den 23. Juni 2001 fand eine Ausstellung von 50 der 230 durch Prof. Dr. Sauerbaum nach Rheinland Pfalz geholten Schautafeln, die 1998 für die Ausstellung "Vergil Visuell" entstanden und über den nun seit über 2000 Jahren toten Vergil handeln im GAK statt. Diese Schautafeln 'illustrieren' die Präsenz Vergils bis in die Gegenwart und wollen in einer Mischung von 'delectare' und 'docere' Themen und Aspekte von Vergil visuell darbieten. Diese Schautafeln besitzen Überschriften in oft plakativer Formulierung, informative knappe Texte und viele farbige und schwarzweiße Illustrationen aus dem (nach Bibel und Ovid) drittgrößten Bilderschatz des Abendlandes und. Anschließend fand ein großer Sektempfang statt.


54. Dr. habil. Jula Wildberger (Hochschulassistentin, Frankfurt)
Seneca et nos

"Was würde Seneca dazu sagen?" Je länger ich mich mit den Schriften dieses römischen Philosophen und dem Denken seiner Zeit beschäftige, desto öfter stelle ich mir diese Frage - oft mit überraschenden Ergebnissen. Gerade auf die großen Fragen unserer Zeit, wieweit man z. B. die Möglichkeiten der Gentechnik nutzen darf, welche Bildungsinhalte die Lehre der Zukunft bestimmen sollten oder wie angesichts eines immer schärfer werdenden internationalen Wettbewerbs der soziale Frieden gesichert werden könnte, wissen die antiken Philosophen für uns originelle und ungewöhnliche Antworten.
Colloquemur cum philosopho Seneca: Ille sapiens nos docebit, quid de moribus nostris sentiat. Disputabit de vita nostra, otio et studiis, negotiis et occupationibus. Sententiam suam feret de inventis nostrae aetatis.
Wir werden mit dem Philosophen Seneca sprechen: Dieser lebenskundige Mann wird uns mitteilen, was er von uns hält. Er wird unsere Art zu leben diskutieren, unsere Hobbys, unsere intellektuellen Interessen und unseren Berufsalltag. Er wird uns erklären, was er von modernen Erfindungen hält.


55. Dr. Friedrich Maier (Professor für Didaktik der Alten Sprachen, Berlin)
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit Europas Ideale und ihre antik-christliche Verwurzelung Zur Bedeutung der Klassischen Sprachen im Gymnasium der Zukunft

Europas Leitwerte, während der Französischen Revolution propagiert, sind Errungenschaften der Neuzeit; vor allem französische und englische Denker haben sie zu Idealen erhoben. Ihre Wurzeln liegen freilich weit zurück in der griechisch-römischen Antike und im Christentum. Anhand von Texten soll dieser zuweilen mit heftigen Auseinandersetzungen verbundene Prozess verdeutlicht werden auch unter Einsatz von Bildfolien. Zugleich wird damit die Bedeutung der Klassischen Sprachen in einem modernen Gymnasium mit Nachdruck herausgestellt.


56. Dr. Otto Böcher (Professor für Neues Testament, Mainz)
Das Menschenbild des Neuen Testaments

Nicht anders als in der paganen antiken Literatur steht auch im Neuen Testament der Mensch in der Spannung zwischen seiner Nähe zur Gottheit einerseits und seiner Todverfallenheit andererseits. Unmittelbar geprägt vom Alten Testament beschreiben Paulus, die Evangelien und die übrigen Autoren des Neuen Testaments den Menschen als Schöpfung Gottes (vgl. Gen. 1, 26f.), unter dessen forderndem Anspruch er sich ethisch zu bewähren habe (vgl. Mt. 5, 38-48); dem Frevler droht nach dem Tod ein Gerichtsurteil (vgl. Mt. 25, 31-46; Apk. 20, 11-15).
Hier hat das Lehrstück vom stellvertretenden und erlösenden Tod Jesu seinen Platz (vgl. Röm. 5, 8-11; 1Kor. 15, 1-4 u.ö.). Ausgehend von grundsätzlichen Aussagen der neutestamentlichen Literatur zur dichotomischen bzw. trichotomischen Anthropologie zeigt der Vortrag an konkreten Belegen aus dem Neuen Testament auf, wie die frühen Christen sich als Mann und Frau, Eltern und Kinder, Herren und Sklaven zu bewähren hatten. Dabei wird auch der dämonologischen Erklärung der Normverletzung ("Sünde") sowie der Krankheit und des Todes gedacht. Zur Begründung der ethischen Forderungen gehören die Erwartungen eines Lebens nach dem Tode und einer endzeitlichen Bestrafung der Sünder ("Eschatologie").


57. Klaus Eyselein (StD a.D.)
Heiligengestalten der Spätantike

Erzählungen von christlichen Heiligen, ihre Stätten, die Formen ihrer Verehrung und ihre Darstellung in der Kunst haben unsere europäische Tradition mitgeprägt. Ihre Bedeutung reicht weit über konfessionelle Grenzen, ja weit über Religiöses im engeren Sinne hinaus. Der Vortrag hat weder theologische Würdigung noch irgend eine Form christlicher Verkündigung zum Ziel. Es sollen vielmehr verschiedene Arten von Heiligengeschichten vorgestellt werden, es sollen einige Denkansätze und Fragestellungen aus verschiedenen das Thema berührenden Disziplinen erörtert werden, um auf diese Weise Wege zu suchen, uns diese heute vielfach fremd gewordenen Gestalten und Legenden etwas näher zu bringen.
Ausgewählt sind Heilige aus der Spätantike: Nikolaus von Myra, Martin von Tour, Christopherus, Santiago (Jakobus d. Ä.). Textgrundlage ist im wesentliche die "Legenda aurea" des Jacobus de Voragine (13. Jh.).


58. Christoff Neumeister
Epikureische Lebenstechnik: ihre Leistungen und ihre Defizite

Der griechische Philosoph Epikur (342-271) geht in seiner auf naturwissenschaftlichen Grundlagen entwickelten "hedonistischen" Ethik von der Grundannahme aus, dass der Mensch, genauso wie das Tier, mit allem, was er tue, letzten Endes auch nur nach der Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse bzw. nach dem dadurch bewirkten Wohlbefinden strebe (letzteres griechisch als "hedone" bezeichnet); dass er dies aber, im Unterschied zum Tier, vermöge der ihm von der Natur mitgegebenen Vernunft auf eine vernünftige, d.h. gezielte und rational kontrollierte Weise tun könne. Aus dieser Grundannahme leitet Epikur dann ab, wie man sich gegenüber den elementaren Gegebenheiten der menschlichen Existenz verhalten sollte - als da sind: die unüberschreitbare Endlichkeit des Lebens, die unwiderstehliche Gewalt des Sexualtriebs und die Notwendigkeit, sich mit seinen Mitmenschen, so wie sie nun einmal sind, zu arrangieren. Diese Lehre Epikurs von der richtigen Lebenstechnik (seine Ethik) soll anhand des grandiosen Lehrgedichts des Römers Lukrez (1. Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr.) in knapper Weise vorgestellt werden; dabei soll aber auch auf die ihr immanenten Defizite, die gerade bei Lukrez unübersehbar zutage treten, mit aller notwendigen Deutlichkeit hingewiesen werden..

59. Eckhard Lefèvre: Cicero
Epikureische Lebenstechnik: ihre Leistungen und ihre Defizite

Cicero war nicht nur der brillanteste Redner Roms, sondern auch einer der bedeutendsten Politiker und Schriftsteller seiner Zeit. Rhetorik, Philosophie und Staatsdenken standen im Mittelpunkt seines Schaffens.
In dem Vortrag wird zunächst Ciceros politische Karriere mit ihren Höhen und Tiefen betrachtet und nach den Konsequenzen gefragt, die sich aus den verschiedenen Lebenssituationen für das schriftstellerische Oeuvre ergaben.
Danach wird anhand der Werke "De oratore", "De republica" und "De legibus" die Periode 55 bis 51 v. Chr., anhand des letzten großen Werkes "De officiis" die Situation des Krisenjahres 44 v. Chr. in den Blick genommen.
Besondere Aufmerksamkeit wird dem Problem der Selbstdeutung Ciceros gewidmet.

60. Prof. Dr. Fritz-Heiner Mutschler:
Sallust und Nepos
Formen und Inhalte historischen Bewusstseins am Ausgang der römischen Republik

Aus der unruhigen Zeit des Umbruchs zwischen Republik und Prinzipat sind uns im Bereich der römischen Historiographie Werke bzw. Werkteile zweier Autoren erhalten: das Buch über die nicht-römischen Feldherrn aus der Biographiensammlung des Cornelius Nepos und die Monographien über den Jugurthinischen Krieg und die Catilinarische Verschwörung des Sallust.
Die genannten Texte gehören unterschiedlichen Gattungen an, sie behandeln unterschiedliche Stoffe und sie haben unterschiedlichen literarischen Zuschnitt. Um so auffälliger ist, dass sie gleichzeitig ein hohes Maß an ideologischer Übereinstimmung aufweisen.
Der Vortrag wird diese Verhältnisse im einzelnen analysieren und versuchen, sie in ihren soziopolitischen Kontext einzuordnen.

61. Dr. Boris Dunsch:
"... - Vater sein dagegen sehr"
Komik und Spott in der römischen Komödie im Spiegel des Vater-Sohn-Konflikts

Die Wechselwirkung von griechischer Komödie und improvisierter italischer Posse führte in der zweiten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts zur Entwicklung der "fabula Palliata", dem römischen Lustspiel "in griechischem Gewand". Die Stücke der beiden uns am besten bekannten Vertreter dieser Literaturgattung, Plautus und Terenz, sind - bei aller Verschiedenheit im einzelnen - durch eine virtuose Handhabung der lateinischen Sprache ebenso gekennzeichnet wie durch gelungene und detailfreudige Charakterstudien. So wurden beide Autoren - Terenz allerdings mehr als Plautus - auch nach der Blütezeit der Palliata von der Kaiserzeit über die Spätantike und das Mittelalter bis hin zur Frühen Neuzeit sehr geschätzt.
Mit welchen sprachlichen und nicht-sprachlichen Mitteln die Lustspielschreiber arbeiteten, um ihr Publikum zum Lachen zu bringen, lässt sich sehr gut am Vater-Sohn-Konflikt beobachten. Dieser besteht in einer komödientypischen Konfrontation der Generationen, häufig ausgelöst durch eine junge Dame, in die sich der Sohn verliebt, die aber vom Vater nicht gutgeheißen wird. Im Verlauf des Stücks werden die Väter, die alles behindern, gefoppt und verspottet, die Söhne zetern und bibbern, die Sklaven intrigieren und triumphieren, die Ehefrauen verlieren ihre Geduld und explodieren. Schließlich aber - nach manchen Irrungen und Wirrungen - überwindet die Liebe alle Widerstände und nach allgemeiner Versöhnung heißt es dann:
"Spectatores, plaudite!"

62. Professor Dr. Niklas Holzberg:
Lesbia und die andere Sappho
Catull und das Verhältnis der Geschlechter im alten Rom

Der Vortrag versucht eine Interpretation der Lesbia-Gedichte Catulls, die sich betont von dem herkömmlichen biographischen Ansatz (Lesbia = Clodia) freihält.
Der statt dessen gewählte literarische Deutungsansatz rekurriert lediglich insofern auf historische Gegebenheiten, als er die Geschlechterordnung im antiken Rom und ihren Einfluss auf das Bild, das Catulls Leser vermutlich von Sappho hatten, in die Überlegung einbezieht. Außerdem wird vorausgesetzt, dass die Sammlung der Catull-Gedichte vom Dichter selbst in der vorliegenden Form veröffentlicht wurde und dass sich deshalb eine lineare Lektüre der Texte empfiehlt.

63. Professor Dr. Kai Brodersen:
Die Sieben (oder Acht oder Neun) Weltwunder

Die Pyramiden, die Mauern von Babylon, die Hängenden Gärten der Semiramis, die Zeus-Statue von Olympia, der Artemis-Tempel von Ephesos, das Mausoleum von Halikarnass, der Koloß von Rhodos und der Pharos (Leuchtturm) von Alexandria: Damit sind die Sieben Weltwunder der Antike aufgezählt - doch sind es schon deren acht!
Welche Weltwunder wann als solche angesehen wurden, wie christliche Wunder heidnische verdrängten und warum Kloster Neustift das Achte Weltwunder ist, wollen wir an antiken und mittelalterlichen Texten erkunden.

64. Professor Dr. Bernd Seidensticker:
Der Sturz des Ikarus - Zur Rezeption des Ikarusmythos in Literatur und Kunst der Gegenwart

Flug und Sturz des Ikarus haben durch die technischen Entwicklungen der Moderne große Aktualität gewonnen. Die spannungsreiche Verbindung von stürmischem Aufbruch und kläglichem Sturz, Kühnheit und Maßlosigkeit, Streben und Gefährdung lässt diese Gestalt zu einem einzigartigen Sinnbild der Moderne werden. Der Vortrag untersucht an ausgewählten Beispielen aus Literatur und bildender Kunst (Schwerpunkt DDR) die moderne Ikarus-Rezeption.

65. Professor Dr. Dr. Klaus Rosen:
Wie der Christ Julian zum letzten heidnischen Kaiser wurde

Obwohl Julian nur eineinhalb Jahre, von November 361 bis Juni 363, regierte, hat er in Zustimmung und Ablehnung bis heute wie wenige andere römische Kaiser fasziniert: Als Christ erzogen wandte er sich wieder dem Heidentum zu, dem er mit seiner Religionspolitik die alte Stellung im römischen Reich zurückzugeben versuchte. Der Versuch war zu Ende, als er mit 32 Jahren überraschend auf einem Feldzug gegen die Perser fiel.
66. Professor Dr. Peter Riemer: Plinius 6,16: Der Tod des Onkels. Apologie und Katastrophenbericht

Der Brief des jüngeren Plinius über den Tod seines Onkels (ep. 6,16) ist ein Stück antiker Literatur von ganz beson-derem Wert. Er enthält eine Reihe von Informationen, die nicht nur mit der Anfrage des Historikers Tacitus zusammenhängen, Genaueres über den Tod des älteren Plinius zu erfahren, sondern die auch zu einer Vorstellung von dem Ablauf und den Auswirkungen des Vesuvausbruchs im Jahre 79 n. Chr. beitragen, also den Historiker wie den Naturwissenschaftler gleichermaßen interessieren. Man hat in der historischen und philologischen Forschung zwar vielfach schon darauf hingewiesen, dass der Verfasser des Briefs mit seinem Bericht eine höchst kunstvoll gestaltete laudatio avunculi mit manchen Übertreibungen vorgelegt hat. Den dabei mitgeteilten Daten über den Vesuvausbruch hat man aber stets größtes Vertrauen geschenkt. Ob sich der Onkel in den letzten Stunden seines Lebens wirklich so heldenhaft nach Art eines stoischen Weisen verhalten hat, wie uns der Neffe glauben machen möchte, ob ihn in der misslichen Lage, in der er sich zweifellos befand, wirklich ein so sanfter Tod ereilt hat, wie uns der Brief suggeriert, wird im Vortrag einer kritischen Prüfung unterzogen. Auch werden die Ergebnisse jüngster Vulkanismusforschungen herangezogen, um den Wahrheitsgehalt des Katastrophenberichts zu bestimmen.
67.Albert von Schirnding:
Ihr Griechen seid doch ewige Kinder. Erinnerungen an den griechischen Leistungskurs

?Solon, Solon?, sagt ein alter ägyptischer Priester zu seinem Besucher, ?ihr Griechen seid doch ewige Kinder; einen alten Griechen gibt es nicht.? So steht es im platonischen Dialog ?Timaios? (22 b). Jugendliche können, wozu Erwachsene meistens nicht mehr fähig sind, ein nahezu unbegrenztes Maß an Korrektur ihrer Ansichten vertragen, weil Meinungen noch nicht unverrückbare Bestandteile der Identität sind, sondern experimentellen Charakter haben. Und damit sind sie den Griechen, den ?ewigen Kindern?, sehr nah. Eine Idee auf die Spitze treiben, das Ausgedachte nicht weniger natürlich und ernsthaft behandeln als das Tatsächliche und mit Kunstgestalten wie mit Personen der nächsten Lebensnähe umgehen: das sind bezeichnende Merkmale ebenso des jugendlichen Verhaltens zu geistigen Gegenständen wie des griechischen Denkens, Fühlens, Sprechens.
Der Vortrag versucht, diese Nähe an Lektüre-Beispielen aus dem griechischen Leistungskurs (Ilias XXII, Archilochos 67a D., Parmenides B 1, sog. Kritias-Fragment, Sophokles? Antigone und Platons Kriton) deutlich zu machen.
68. Aristophanes: Die Frauenvolksversammlung Theatergruppe Ernst-Abbe-Gymnasium Eisenach Leitung: Reinhard Bode
Theaterstück in deutscher Sprache und teilweise in der griechischen Originalsprache gespielt


69. Professor Dr. Gregor Maurach:
Die Dornen der Rosen: Kleine Geschichte der antiken Komödie

Die Geschichte der antiken Komödie kann man museal behandeln als literaturhistorisches Phänomen, man kann sich aber auch fragen, ob sie nicht insgesamt und in den meisten ihrer Ausprägungen ein Ziel verfolgte. Gewiss war das des Aristophanes ein anderes als das des Menander und seiner römischen Bearbeiter Plautus und Terenz, aber sie alle wollten einen bestehenden Zustand ändern, zunächst im Politischen, dann aber, seit dem Spätwerk des Aristophanes, im Bürgerlich-Moralischen. Missstände im Zusammenleben der Menschen am Werke zeigen, bewusst machen und somit zu einem Teil bereits abstellen, das war überall die Absicht, und insofern ist die antike Komödie nicht museales Relikt, sondern enthält einen höchst aktuellen Appell. Das Lachen als Erziehungsmittel?
70. Juliane Stadler:
Wegzehrung für die Toten oder Götterspeise? ? Die Sitte der Speisebeigabe in frühkeltischen Gräbern
Über einen ganz besonderen Aspekt des keltischen Bestattungskultes und seine Bedeutung im Totenritual.

Die Toten sollten im Jenseits nicht hungern, so scheint es. Für ihre letzte Reise wurden sie außer mit ihrem persönlichen Besitz und Grab­beigaben sowohl mit Speisen als auch mit reichlich flüssiger Nahrung ausgestattet. Während für einen einfachen Bauern oft nicht mehr als eine Schweinekeule abfiel, sorgten beim Adel auch schon mal ein ganzes Rind und ein Kessel voller Met für das Wohlergehen des Verstorbenen. Oder waren die Nahrungsmittel in den Gräbern etwa für Gottheiten bestimmt? Sollten ausgefallene Gerichte die Totengötter ?abspeisen? und gnädig stimmen? Waren sie Bestandteil eines Totenmahls, in dem der Verstorbene selbst Gast war, oder sollte er im Jenseits als großzügiger Gastgeber auftreten können? Tierknochen und bestimmte Geschirr- und Besteckelemente geben den Archäologen nicht nur Auskünfte über Ernährungs- und Schlachtgewohnheiten der frühen Kelten (ca. 800-450 v. Chr.) und die wirtschaftliche Bedeutung bestimmter Tiere. Auch Rückschlüsse auf den gesellschaftlichen Status und die Sozialgliederung in der frühkeltischen Zeit sind möglich. Ganz besonders aber erlaubt dieser spezielle Teil des Totenrituals detaillierte Einblicke in die komplexe sakrale und religiöse Welt unserer Vorfahren.
71. PD Dr. Jula Wildberger:
Freiheit und Determinismus bei den Stoikern

In diesem Workshop möchte ich Sie über das informieren, was die antike Stoa zu Determinismus und Willensfreiheit zu sagen hatte. Die Stoiker glaubten, dass alles im Kosmos determiniert sei und dass alle Menschen sich frei entscheiden und nach ihrem eigenen Willen handeln könnten ? weswegen sie auch für ihr Handeln verantwortlich seien. Angesichts der modernen, von den Ergebnissen der Hirnforschung aufgeworfenen Debatte um Determinismus und Willensfreiheit halte ich die stoischen Überlegungen zum Thema für überaus bedenkenswert und möchte Ihnen daher die Gelegenheit geben, sich damit auseinander zu setzen. Wie die Forschung der letzten Jahrzehnte erwiesen hat, sind nämlich die Argumente, mit denen sich die Stoiker gegen antike Kritiker verteidigten, und die verschiedenen Weisen, wie sie sich der Frage annäherten, viel differenzierter und viel schärfer ausgearbeitet, als man früher glaubte. Zur Annäherung an dieses interessante, aber schwierige Thema schlage ich ein dialogisches Verfahren vor, bei dem ich Sie in kurzen Impulsreferaten Stück für Stück über die Ergebnisse der modernen Forschung und auch meine eigenen Forschungsergebnisse zu einzelnen Punkten informiere und nach jedem Kurzreferat zunächst Ihre Fragen und Einwände mit Ihnen diskutiere, bevor wir zum nächsten Punkt vorgehen. Es wird nicht leicht werden, und ich kann Ihnen auch nicht versprechen, dass wir alles ?schaffen?, aber ich hoffe doch sehr, dass ich ein wenig von meiner Begeisterung für dieses so tiefe, so fremde und doch zugleich auch überraschend moderne Denken mit Ihnen werde teilen können. Etwa folgende Themen werde ich vorbereiten: a) Freiheit aus kosmischer Sicht
Gott als Ursache ? Was ist eine Ursache? ? Modernes Naturgesetz und stoisches Gesetz der Natur ? Gott als Schicksal ? Moderner natur-gesetzlicher Determinismus und stoischer Determinismus ? Warum glaubt ein Stoiker, dass alles determiniert ist? Was wäre die Alternative? ? Die Bewegungsfreiheit der Einzelkörper und wie Gott durch sie wirkt b) Freiheit aus Sicht des Individuums
Warum überhaupt handeln und entscheiden, wenn doch ohnehin alles determiniert ist? ? Ausschlaggebende Ursachen und Ursachen, die das nicht sind ? Wo genau sitzt die Freiheit beim Menschen (Zustimmung, was in unserer Macht steht, Gebrauch der Erscheinungen) ? Wie kann das Freiheit sein, wenn es doch determiniert ist? ? Warum ist nur der Weise wirklich frei und was macht die anderen unfrei? (Unerhebliches, erfassende Erscheinungen und Voraffekte) ? Der Sinn von Lob und Tadel
72. Dr. Hajo Hartung (Hamburg)
Odysseus unter Mordverdacht - Orest in Rechtfertigungsnot
Zwei Musterfälle in rhetorischen Lehrbüchern der Römer


Als der junge Caius Julius Caesar bei seinem griechischen Privatlehrer für Grammatik und Rhetorik wirkungsvolle Reden zu verfassen lernte, konnte man in Rom neben den griechischen auch schon lateinische rhetorische Lehrbücher benutzen. In dem verbreitetsten Lehrbuchtyp wurde die Lektion "Reden im Indizienprozess" mit folgendem Beispiel illustriert: An einsamem Ort liegt Aias - erstochen; Odysseus steht mit blutigem Schwert neben ihm. Aias' Halbbruder Teuker kommt hinzu, sieht die Szene und bringt Odysseus wegen Mordes vor Gericht: Wie wird er die Anklage begründen? Wie wird Odysseus sich verteidigen? Ein zweiter Fall - in einer anderen Lektion - ist Orests Mord an seiner Mutter Klytaimnestra: Kann er die Tat rechtfertigen? Die Gestaltung und Verwendung dieser beiden herausragenden - und deshalb übernommenen - griechischen Beispiele in lateinischen rhetorischen Lehrbüchern werden in dem Vortrag dargestellt.
73. Klaus Bartels: Von der Kosmopolis zum Global Village In der Alexanderzeit ist mit Macht die Idee einer weltweiten menschlichen Gemeinschaft in den Blick gekommen. Die Stoa forderte eine globale Verantwortung aller Menschen für alle Mitlebenden wie auch - frappierend aktuell - für alle künftig Lebenden und entdeckte jenseits des Staatswohls ein noch schätzenswerteres Menschheitswohl, jenseits des Landesverrats einen noch verächtlicheren Menschheitsverrat. Durch Roms Weltherrschaft wurde diese Kosmopolis zu einer politischen Vision. Die ?ewige Stadt? und der ?Erdkreis? schienen eins zu werden, die Pax Augusta verhieß ein Ende aller Kriege. Heute ist die Welt auf andere Art zu einem Global Village zusammengeschnurrt; eine ?Neue Weltordnung?, ein neues ?Ende der Geschichte? und eine neue ?Pax Americana? machten von sich reden. Aber wer überwacht die Wächter?<>
74. Prof. Dr. Ulrich Eigler (Zürich)
"Von Pharsalus bis Actium: Kleopatra und ihre Männer"

Es wird in dem Vortrag um die Verbindung von Filmen mit der Lektüre von Texten lateinischer Autoren am Beispiel Vergils und der berühmten Cleopatra mit Liz Taylor gehen.
Zugleich soll gefragt werden, welche Umstände unser Bild von der Antike und insbesondere von Kleopatra bestimmen.



75. Dr. Berit Hildebrandt (Greifswald/München)
Zahnheilkunde in der Antike

"Das Zahnweh, subjektiv genommen, ist ohne Zweifel unwillkommen": Diese Feststellung Wilhelm Buschs ist zeitlos. Zahn- und Kiefererkrankungen plagten die Menschen zu allen Zeiten. Was bedeuteten aber Zahnbeschwerden in der Antike? Wir wissen aus der griechischen und römischen Literatur sowie aufgrund archäologischer Funde, dass man sich intensiv Gedanken um Gegenmittel machte, zumal Zahnbeschwerden auch Kaiser nicht verschonten: Sogar der erhabene Augustus soll darunter gelitten haben. Trotz erstaunlicher medizinischer Errungenschaften wie etwa der Stabilisierung lockerer Zähne mittels Golddraht oder -band griff man jedoch häufig auf Mittel zurück, die etwa verbrannten Mäusemist und die Asche pulverisierter Regenwürmer enthielten, was heute zweifellos Schauder auslösen würde. Es verwundert daher nicht, dass Zahnverluste und schlechte Zähne weit verbreitet waren. Im Vortrag soll es jedoch nicht nur um Fragen nach Krankheitsbildern, "Arznei"mitteln, Werkzeugen, Behandlungstechniken und antiken Spezialisten gehen, sondern auch um den in der antiken Literatur überlieferten, oftmals humorvollen Umgang mit dem Übel, der den Zeilen eines Wilhelm Busch in nichts nachsteht.

76. Dr. Stefan Kipf (Berlin)
Aut Caesar aut nihil. Der Lateinunterricht im Wandel am Beispiel der Caesar-Lektüre Caesar nimmt in der Geschichte des Lateinunterrichts eine einzigartige Stellung ein: Wohl kein anderer Autor wurde und wird als der ?römischste Römer? mit dem Lateinunterricht so identifiziert, dass beide wie selbst-verständlich zusammenzugehören scheinen. In der Tat hat Caesar jedoch nicht nur Spracherwerb und Lektüre-praxis, sondern darüber hinaus auch das Erscheinungs-bild des gesamten Lateinunterrichts geprägt. Mit Sicher-heit ist es vor allem der jahrzehntelangen Praxis der Caesar-Lektüre zu danken, dass auch heute noch mit dem Lateinischen zuallererst grammatischer Drill und militäri-sche Taten, weniger Dichtung oder Philosophie identifi-ziert werden. Der Eindruck trügt nicht, als bündelten sich in der Lektüre des Bellum Gallicum wie in einem Brenn-glas alle wichtigen formalen und inhaltlichen Ziele, Fach-leistungen und Wandlungen des Lateinunterrichts im Laufe seiner Geschichte. Am Beispiel der Caesar-Lektüre spürt der Vortrag diesen Wandlungen nach und schlägt dabei einen Bogen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

77. Dr. Gyburg Radke (Heidelberg) Totenklagen auf tote Dichter. Die Erfindung der literarischen Vergangenheit im Hellenismus Der Vortrag befaßt sich mit einem Phänomen, das sich seit Anfang des 3. Jahrhunderts als literarische Bewegung nachweisen läßt: Seit dieser Zeit entstehen Klagelieder und Grabepigramme auf die großen Dichter der Vorzeit. Man kann geradezu von einer Obsession sprechen. Manche Dichter verfassen ganze Serien von Klagen auf ein und denselben Dichter. Oft suggerieren sie in diesen Gedichten, daß der Tod des Beklagten erst kurze Zeit zurückliegt, obwohl den neuen Dichter von diesem mehrere Jahrhunderte trennen. Die Illusion von Unmittelbarkeit, von ?lebendiger Gegenwart? des Toten und der Trauer um ihn wird erzeugt.
Die Suche nach einem unmittelbaren Zugang zur Vergangenheit ist etwas, das nicht nur die hellenistischen Dichter der Antike umgetrieben hat. Die Geschichte der Antikerezeption der Moderne ist voll von Beispielen, wie versucht wird, in direkten Kontakt mit ?den Alten? zu treten, die Antike als lebendige Gegenwart wiedererstehen zu lassen. Die hellenistischen Dichter entwerfen mit diesen Mitteln zum ersten Mal in der abendländischen Geschichte eine von ihrer eigenen Gegenwart radikal getrennte Vergangenheit. Sie beklagen diese Trennung wie den Tod ?der Alten?, sie inszenieren diesen aber selbst, indem sie sich nicht mehr in deren Tradition stellen, sondern etwas radikal Neues erschaffen wollen. Sie suchen den Bruch mit dem Alten, um ihre eigene Identität zu entwerfen.
Auch für diese Strategien hält die europäische Geistesgeschichte Legionen von Beispielen bereit. Die Moderne konstituiert sich durch solche Wendebewegungen.
Der Vortrag stellt mit Blick auf diesen weiten Horizont der Auseinandersetzung der Moderne mit der Antike die hellenistischen Totenklagen an ausgewählten Beispielen in Einzelinterpretationen vor.

78.Prof. Dr. Dr. h.c. Erika Simon:
Lykurgos. Frevler, Tor, Bekehrter

Lykurgos, der Frevler gegen Dionysos, ist in der antiken Literatur von Anfang bis Ende, von Homer bis Nonnos, bekannt. Bei letzterem ist er König der Araber, die ihm göttliche Ehren erweisen, da er den Gott des Weines bekämpfte. In der vierteiligen Lykurgie des Aischylos ist er König in Thrakien, am Pangaion-Gebirge, das damals durch die Expedition des Kimon politisch höchst aktuell war. Jene nur in Fragmenten erhaltene Lykurgie aus den sechziger Jahren des 5. Jahrhunderts hatte eine große Wirkung auf die antike Bildkunst. Ihr tragischer Teil endete mit der Bekehrung des Frevlers. Auf dem Bronzekrater von Derveni (um 350 v. Chr.) erscheint er ? mit einem neu entdeckten, in Zeichnung vorgeführten Attribut ? als Mitglied des Thiasos. Das Satyrspiel ?Lykurgos? zeigte den Protagonisten nach Ansicht der Vortragenden als törichten Tyrannen, der dem Satyrchor das Zerhacken der Reben befiehlt und im Weinberg die Verkörperung der Unsterblichkeit, Ambrosia, töten will. In der hellenistisch-römischen Baukunst wirkte vor allem dieser Teil der Lykurgie nach, bis hin zu dem spätantiken ?Lykurgbecher? in London, der in Wirklichkeit eine Ampel war.


79. Prof. Dr.Dr. h.c. Volker Storch:
Die Antarktis und ihr reiches Leben

Die Antarktis und die sie umgebenden Meeresgebiete sind nach verbreiteter Ansicht lebensfeindlich. Über 95% dieser kältesten, windigsten und niederschlagärmsten aller Kontinente werden dauernd von Eis bedeckt, welches zudem über den größten Teil der Küstenlinie ins Meer ragt. Das den antarktischen Kontinent bedeckende Eis erreicht eine Dicke von über 4700 m und bewegt sich meerwärts, wo Eisberge abbrechen, die zwischen Speyer und Heidelberg nicht hinreichend Platz fänden. Die mächtige Eisdecke des antarktischen Kontinents umfasst über 80% des gesamten Süßwassers auf der Erde. Käme es zu seinem Abschmelzen, würde der Meeresspiegel weltweit 60 m ansteigen.
Im Mittelpunkt des Bilder-Vortrages steht eine meeresbiologische Forschungsreise in die Antarktis mit dem Forschungseisbrecher APolarstern@, auf der dokumentiert wurde, wie unglaublich reich das Meerestierleben unter und auch im (Meeres)-Eis der Antarktis ist. Polarforschung geht zu einem erheblichen Teil auf die Anregung eines Pfälzers zurück: Georg von Neumayer, nach dem eine Station in den Tiefen des Eises benannt ist. Aus der Pfalz wird dorthin regelmäßig Wein aus der Region geschickt.

80. Fritz Burkhardt: Prometheus - Napoleon - Beethoven. oder: Worum geht es eigentlich in Beethovens dritten Sinfonie (Eroica)?
Die Frage nach dem Inhalt einer Sinfonie mag für manche ketzerisch erscheinen, gilt doch gerade Beethoven als der Meister der sog. absoluten Musik, also einer Art von Musik, in der alles ? ohne außermusikalischen Bezug ? auf sich selbst bezogen ist und aus sich selbst heraus zu verstehen ist, sich mithin nur dem geschärften analytischen Geist erschließt. Dieser steht allerdings in krassem Widerspruch zu dem, was ein Konzertbesucher normalerweise erlebt: Schon Gestus von Dirigent und Orchester zeugen von dramatischen Inhalten der Musik, die einem aber in der Regel keiner erklärt. Die wenigsten wissen, dass Beethovens ?Eroica? der Prometheus-Mythos zu Grunde liegt. Eher bekannt ist die Tatsache, dass die Sinfonie ursprünglich Napoleon gewidmet war; Beethoven soll die Widmung zerrissen haben, als er davon erfuhr, dass Napoleon sich zum Kaiser gekrönt hat. Der ursprüngliche Titel ?Sinfonia grande/intitolata Bonaparte...? wurde ersetzt durch: ?Sinfonia composta per festiggiare il sovvenire di un grand Uomo?. Wer aber ist der ?große Mann?, was macht seine Größe aus? Müssen wir hier spekulieren und unserer Fantasie freien Lauf lassen? Oder gibt es Hinweise auf das, was Beethoven tatsächlich zum Ausdruck bringen wollte? Der Vortrag geht in diesem Zusammenhang einigen interessanten Fragen nach, u.a.: Was hat es mit Beethovens unbekanntem Ballett ?Die Geschöpfe des Prometheus? auf sich? Warum zitiert sich Beethoven in der Eroica selbst mit Musik aus diesem Ballett? Welche heroischen Stoffe aus der Antike haben die Musiker (und nicht nur diese) interessiert? Warum und von wem wurde Napoleon als Prometheus seiner Zeit gesehen? Wieviel prometheische Eigenschaften hat Beethoven, der ebenfalls als Titan bezeichnet wird, in sich selbst gesehen?
Beethoven, Napoleon, Prometheus: Drei Gestalten, deren wichtigste Eigenschaften, wie sie um 1800 gesehen wurden, gleichsam zu einer Verschmelzung führen, die in Beethovens ?Eroica? kulminiert.

81. Prof. Dr. Jürgen Blänsdorf (Mainz)
So verfluchten die alten Römer. Die Verfluchungstäfelchen aus dem Mainzer Isis- und Mater-Magna-Heiligtum
Vom 6. Jahrhundert v.Chr. bis zum Ende der Antike verbreitete sich über alle damaligen Kulturen der Brauch, persönliche Feinde mit Hilfe von Göttern oder Dämonen zu verfluchen. Bei der Ausgrabung des im Zentrum des antiken und des heutigen Mainz gelegenen Doppel-Heiligtums der Isis und der Mater Magna wurden 34 gut erhaltene und mit teilweise langen Verfluchungstexten beschriftete Bleitäfelchen geborgen. Die Entzifferung der sehr sorgfältig geschriebenen Texte ergab, daß Mater Magna und ihr Kultbegleiter Attis, jedoch niemals Isis für private Rechtsstreitigkeiten angerufen wurden. Die Verfluchungen wurden offenbar von den Verfassern selbst, nicht von Priestern oder professionellen Magiern verfaßt und eigenhändig geschrieben. Mit nur wenigen vulgärsprachlichen Ausnahmen ist das Latein klassisch und zeigt mehrfach sogar rhetorische Figurierung. Die Mainzer "Defixionum tabellae" geben detaillierte Einblicke in Religion und Gesellschaft einer noch recht jungen römischen Provinzstadt.

82. Prof. Dr. Thomas Wagner (Heidelberg)
Spione für atmosphärische Schadstoffe und Treibhausgase: Neue Satelliteninstrumente ermöglichen globalen Blick
Seit dem Start des Satelliteninstruments ,GOME' im April 1995 können wir unseren Planeten mit neuen Augen sehen. Es wurde möglich, die globale Verteilung einer Vielzahl bodennaher Spurenstoffe erstmals experimentell zu bestimmen. Die so gewonnenen ?Spurenstoff-Weltkarten' zeigen die Lage von wichtigen künstlichen und natürlichen Emissionsquellen wie Kraftwerke, Waldbrände und Vulkane. Im Vortrag werden aktuelle Forschungsergebnisse zur globalen Verteilung und zu den Budgets von Schadstoffen und Klimagasen gezeigt.