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Polyphem bei Homer und Theokrit
Judith Gottwein
Aufgabenstellung:
Der Kyklop Polyphem ist in der homerischen Odysee das Ungeheuer schlechthin. Der hellenistische Dichter Theoklet hat in einem seiner Gedichte eine Veränderung dieser Figur vorgenommen.
Beschreiben Sie das Bild, das Homer im 9. Gesang der Odysee und Theokrit in seinem 11. Gedicht jeweils von Polyphem entworfen haben!
Aus welchen Gründen könnte Theokrit auf diese mythische Gestaltzurückgreifen, und welche Absichten könnte er mit ihrer Umgestaltung verfolgt haben?
Kurzes Vorwort
Für mich als Theokrit-Liebhaber ging ein Traum in Erfüllung! Zufällig gelang ich kürzlich an die Abschrift eines bisher unbekannten, aber unzweifelhaft authentischen Dialoges zwischen Nikias von Milet, dem auch sonst bekannten angehenden Arzt und Freund Theokrits, und einem gewissen Homerokrates in meine Hände. Dessen Existenz ist zwar historisch nicht nachweisbar, aber bereits sein Name verrät den Homerkenner und den erfahrenen Arzt aus dem Familienverband der Asklepiaden.
Ich habe den Dialog, der sich mit der Gestalt des Polyphem bei Homer und Theokrit beschäftigt, für eine interessierte Leserschaft sorgfältig aus dem Griechischen ins Deutsch übertragen und ihn mit anmerkungen versehen, die ihn kommentieren, auf moderne Literatur hinweisen und den Bezug zu Homers und Theokrits Dichtung aufzeigen sollen.
H.:Caire, Nikias! Du fragst dich bestimmt, warum ich als alter Mediziener zu dir, einem Studenten, komme Aber mir ist zu Ohren gekommen, daß du ein neues Heilmittel gegen die Liebe besitzt.
N.:Wie, ich? H.: Keine Salbe und kein Pulver. N.: Ach so, du meinst das Gedicht, das Theokrit mir widmete und schenkte, bevor er unser gelibtes Kos verließ und nach Alexandria aufbrach?
H.: Genau, deswegen bin ich jier. Theokrit soll ja einige Veränderungen am alten Polyphem vorgenommen haben. Dabei habe er die Motive, die Philoxenos einführte, aufgegriffen. Aber ich frage mich: Was hat ein Verliebter Polyphem schon zu bieten, der nur noch rührend und komisch wirkt? Ist das nicht lächerlich? Allen Genügt doch Homer, wer will einen andern noch hören? Da läuft dir noch ein Schauder über den Rücken, Polyphem ist das pelwr, das Ungeheuer schlechthin. Wie die waldige Bergspize eines hohen Gebirges sieht er aus, nicht wie ein Mensch, der ißt und trinkt. Diese ursprüngliche Kraft, diese kulturell unverbildete Brutalität, sie sind mit nichts zu vergleichen!
Und auch sonst gleicht er in nichts den Menschen: Wie seine Artgenossen rührt er er keine Hand zum Pflanzen und Pflügen, was allerdings auch garnicht nötig ist, da die Gunst der Natur und der Götter alles von selbst gedeihen lässt. Mit seinem Vieh lebt er, selbst Vieh, in seiner Groote. Melkeiner, einige Gefäße und Käsedarren sind sein einziges Gerät. Keine öffentliche Versammlung, keine rechtliche Ordnung haben die Kyklopen, gesetzlos leben sie, als Einzelgänger, sie nehmen keine Rücksicht aufeinander. Polyphem aber ist der schlimmste von ihnen. Kein Wunsch, Fremdes zu erkunden, keine Neugier regt sich in ihnen: Sie besitzen weder Schiffe noch Schiffsbaumeister, so sind sienicht nur unter sich einzelgänger, sondern auch sonst völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Die vor ihrem Land liegende Ziegeninsel bleibt unbetreten, obwohl sie einen ausgezeichneten natürlichen Hafen besitzt und bei geeigneter Bearbeitung Ertrag im Übermaßlieferte. Aber dazu müßte man sich mühen und plagen, Interesse für kulturelle Entwicklung zeigen, was den Kyklopen fremd ist. Auch interessiert sich Polyphem keinbißchen für die Erlebnisse des Odysseus, wie es bei zivilisierten Menschen der Fall ist; denk doch nur an die Neugier des Alkinoos!
N.: Nein wirklich, er gleicht keinem Menschen, und bewußt hat Homer ihm die menschlichen Züge des Odysseus und seiner Gefährten kontrastierend gegenübergestellt: Erkunden doch die Gefährten nach ihrer Landung sofort die Insel. Es ist selbstverständlich, daß ein Schiff übersetzt, um das Land der Kyklopen zu erforschen, und auch später kannund will Odysseus trotz dem Abraten der Gefährten seine Neugier nicht zügeln: Er muß Polyphem sehen. Auch..
H.: Das ist klar. Du brauchst du den Gedanken nicht weiter auszuführen. Laß uns ein andermal über die Menschen Sprechen, jetzt wollen wir bei Polyphem bleiben.
N.: Nun gut. Dann will ich dir sagen, mir an Polyphem am gefährlichsten erscheint: Seine ungeheure kraft ist nicht an Gesetze, wie sie bei Menschen Gelten, gebunden. dadurch wird sie unberechenbar. H.: So dumm war Odysseus auch nicht, nur auf menschliche Rechte zu pochen. Nein, er beanspruchte das fundermentalste, durch Zeus garantierte recht: die , die allen Menschen heilig ist. Seine Worte sind so eher Drohung als Bitte.
N.: Was ihm allerdings wenig half. Denn wer rechnet schon mit solcher Hybris: Polyphem hält sich für mächtiger als Zeus, er ist bereit, sich seine Feindschaft zuzuziehen. Nur sein eigener Wille, sein verrohtes Gemüt, ist Polyphem Gesetz.
H.: Aber genau das ist der Punkt: Kennt man Polyphems Willen und Wesen, wird er berechenbar. Wie kann aber ein Mensch das Wesen eines Unmenschen erkennen? könnte man sich fragen. Nun, Polyphem macht es dem leicht. Denn außer ungeheure Größe und Kraft zeichnet er sich durch gewaltige Dummheit aus: Sie offenbart sich sofort in seinem Plumpen Versuch die Lage der Schiffe auszukundschaften. Man muß nicht Odysseus sein, um seine Absicht zu durschauen und ihm dann eine Lüge aufzutischen.
N.: Aber hätte Odysseus voraussehen Können, was dem folgte? Daß er von einem Kyklopen keine Antwort erwarten kann, wie es nach menschlichen Kommunikationsregeln allgemein üblich ist, das vielleicht.
Aber daß der Gesprächspartner über seine Gefährten wie ein Löwe hereinfällt, ihnen die Köpfe einschlägt und sie mit Haut und Haaren auffrißt?
H.: Nein, natürlich nicht. Denn Polyphem setzt sich allein aufgrund seiner Kraft über eine verbindliche, für jeden Menschen selbstverständliche Norm hinweg. Würdest du da nicht auch weinen, beten und dir ohnmächtig vorkommen?
Aber auch in dieser Tat offenbart Polyphem sein Wesen, oder besser sein Unwesen, und dadurch, daßer sie in hübscher Regelmäßigkeit wiederholt, wird er berechenbar.ybry N.: Übrigens verläuft Polyphems Leben nach der selben Regelmäßkeit, von der du grade sprachst. Sein einfacher, streng geordneter Lebensrythmus läuft stets katamoi^ran und monoton ab. Er ist dem seiner Tiere angepaßt und füllt ihn aus.
H.: Was für eine absurde Vorstelleung muß es dagegen für einen homerischen Helden, der sein Leben mit großen Leistungen ausfüllt, sein, sein Leben so hinzubringen. Aber dies entspricht Polyphems verrohten Gemüt.
N.: Der Unmensch ist also erkannt, nicht mehr als eine Nacht und einen Tag brauchte Odysseus um die Diagnose zu erstellen, jetzt muß er ihn noch besiegen.
Mich fasziniert es immer wieder, wie bedachtsam und kün Odysseus vorgeht, wie sorgfältig er alles durchdenkt und Polyphems Reaktionen im Vorraus kalkuliert, vom Wunsch nach Rache, nach der Tat, die Ihm Rum bringen wird, getrieben:
Er merkt, daß er Polyphem nicht im Schlaf töten kann, da er und seine Gefährten sonst bis zu ihrem sicheren Tod in der Höhle eingeschlossen wären. Er Setzt auf die Schwachstelle des einäugen und gewinnt: zuerst auf den Bauch:und in seinem Stumpfsinn säuft Polyphem wirklich dreimal, so wie er zuvor drei mal Mahlzeit hielt. Es ist fast schon Ironie des Schicksals, wenn sich Polyphem genau dann besonders schlau vorkommt, wenn er Odysseus mit primitiver Listseinen vermeintlichen Namen anbringt und sich grade so um so tiever in die Schlinge des verfängt.
Jetzt setzt Odysseus an Polyphems einzigen Auge an: Durch die Blendung wird der starke schwach.
H.: