Alexander Koch Museen und viele andere öffentlich getragene Kultureinrichtungen sind heute mehr denn je gefordert, ihre eigene Zukunft zu bestimmen, maßgeschneiderte Strategien zu entwickeln und gangbare Wege zu finden. Fit zu sein für die Zukunft, heißt die Devise. Fachliteratur und Informationsdokumente zur gestellten Thematik gibt es in großer Zahl. Rasche Informationen zu jüngsten Entwicklungen im Museumsbereich, neuen Publikationen, Tagungen und Diskussionen in Deutschland gestatten www.icom-deutschland.de und www.museumsbund.de. Auf rheinland-pfälzischer Ebene berät und unterstützt der Museumsverband Rheinland-Pfalz e.V., vgl. www.museen.rlp.de. Im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Auftrag, Profilschärfung und Behauptung im heißumkämpften Markt der Kultur- und Freizeitanbieter müssen Museen ? und darunter auch gerade die Gruppe der historischen und kulturgeschichtlichen Museen ? sich laufend weitentwickeln und sich dem Wettbewerb stellen. Nur wer sich selbst verändert, sich den Herausforderungen der ständig in Veränderung begriffenen Gesellschaft stellt und auch bereit ist, innovative Sichtweisen in die teilweise auf mehrhundertjährige Traditionen zurückblickende Museumsarbeit hineinzutragen, wird sich weiterentwickeln und mittel- sowie langfristig, gerade auch in kultur- und finanzpolitischer Hinsicht, behaupten können. Unterschiedlichste Positionen und Perspektiven gilt es dabei ins Blickfeld zu nehmen, gleicht doch kein Museum wirklich dem anderen. Zu individuell sind die maßgeblichen Erfolgsfaktoren der Museen, namentlich Trägerschaft, Standort, Sammlungsbestand, finanzielle und personelle Ausstattung, Struktur, eigene Geschichte und Selbstverständnis, öffentlicher Auftrag und Besuchererwartung.
Die zunehmend komplexeren Anforderungen, die heute an Museen und andere Kultureinrichtungen gestellt werden, erfordern in vielerlei Hinsicht einen Paradigmenwechsel, der gerade auch die in diesen Branchen tätigen Mitarbeiter und deren Selbstverständnis berührt. Laufende Veränderungen und Entwicklungen in der Arbeitswelt, ein stetiger Wandel von Angebot und Nachfrage, Projektthemen und finanziellen sowie ressourcenspezifischen Mitteln zwingen seit längerem zu vernetztem Denken und Arbeiten, will man anstehende Probleme lösen, erfolgreich sein und sich auf dem Markt behaupten. Viele Museen begnügen sich daher schon lange nicht mehr mit den Aufgaben, die aus ihrem traditionellen Auftrag (?Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln?) erwachsen, sondern orientieren sich zunehmend an den Erfordernissen des Marktes sowie den Erwartungen der Kunden und potentieller Sponsoren. Die Formel ?Museen von Menschen, Museen für Menschen? macht mehr als alles andere deutlich, welchen Herausforderungen sich Museen in unserer heutigen, zunehmend schnelllebigeren Welt zu stellen haben.
Wie aber sehen die Museen der Zukunft konkret aus? Und wie sieht die Zukunft der Museen generell aus? Diese und andere Fragen gilt es im Folgenden ausgehend von den historischen und inhaltlich-konzeptionellen Grundlagen der Einrichtung Museum zu behandeln und am Beispiel des Historischen Museums der Pfalz Speyer mögliche Strategien und Wege zukünftigen Handelns aufzuzeigen. Die nachstehenden Ausführungen fokussieren im Wesentlichen auf die Gruppe der sogenannten historischen und kulturgeschichtlichen Museen und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Meist handelt es sich um Beobachtungen, die sich aus der täglichen Museumspraxis ergeben und auf eigenen Erfahrungen beruhen. Museen ? Grundlagen, Aufgaben, Anforderungen Die meisten Museumseinrichtungen des In- und Auslands fühlen sich bis heute der ?Vierfaltigkeit? des Sammelns, Bewahrens, Forschens und Vermittelns als Grundpfeiler musealer Tätigkeit verpflichtet. Sie gelten nach wie vor, freilich mit unterschiedlicher Gewichtung, als elementare Aufgaben musealen Arbeitens, obwohl immer wieder auch gerade in jüngster Zeit, teils sicher zu Recht, teils zu Unrecht, Rufe lauter wurden, das eigene Selbstverständnis der Museen müsse kritisch überdacht und die alten Zöpfe musealen Denkens endlich abgeschnitten werden, damit die Einrichtungen Mut und Kraft fänden, sich neuen Wegen zu öffnen. Der Internationale Museumsverband, kurz ?ICOM?, spricht denn heute auch bezeichnenderweise von ?study, education, enjoyment? als den prägenden, zeitlosen Aufgaben musealer Tätigkeit und entwickelte ethische Richtlinien für Museen (Code of Ethics for Museums), die als Grundlage professioneller Arbeit von Museen und Museumsfachleuten verstanden werden.
Unserer Gesellschaft nicht unähnlich, befinden sich auch Museen laufend im Wandel; es gilt weiterzudenken, laufend vorauszuschauen und sich ständig neu zu erfinden. Museen agieren als kulturelle Dienstleister im Dienste der Öffentlichkeit (service public versus service au public), sind mancherorts nicht nur Kulturbetrieb, sondern auch Forschungseinrichtung mit wichtiger Schnittstellenfunktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, Orte der Begegnung und des Dialogs. Darüber hinaus sind Museen an sich auch Medien, die nachhaltig dazu beitragen, Bilder von Geschichte und Kultur zu prägen, schließlich auch Bildungseinrichtungen mit hohem Seriositätsfaktor. Im Sinne einer Arche Noah dinglichen ? mobilen ? Kulturguts werden Museen auch als sinn- und identitätsstiftende Einrichtungen verstanden, haben sich im globalen Rahmen und am kulturellen Markt zu orientieren, ohne ihre lokale und regionale Anbindung hintanzustellen oder ihr Selbstverständnis als existentiellen Faktor aufzugeben. Viele Museen arbeiten heute im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Bildungsanspruch und populärem Erlebnis, zwischen Seriosität und Spektakel, und sind zugleich der Öffentlichkeit verpflichtete Dienstleistungsbetriebe, die ihrem gesetzlichen Auftrag nachzukommen haben, der demographischen Entwicklung Rechnung tragen müssen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unterworfen sind und der kommerziellen Konkurrenz auf dem Kultur- und Freizeitmarkt Paroli zu bieten versuchen.
Die Anfänge zahlreicher, vor allem großer, historischer Museumseinrichtungen wurzeln in Museumskonzeptionen und Vorstellungen des 19. Jahrhunderts. Sie trugen als identitätsstiftende Einrichtungen zur Mythenbildung von Nationen bei, spiegelten Konstruktionen einer kollektiven Identität, galten als Horte des Wissens und der Kultur und als Archive materieller Kultur, waren vielfach Bildungseinrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft, die eine Einheit von Gebäude und Sammlung, Form und Inhalt verkörperten. Museen dieser Art hatten Wahrheiten zu verkünden; einen Dialog mit dem Publikum, mit der Öffentlichkeit gab es nicht. Warum auch? Heutige Museumskonzeptionen haben sich in der Regel längst von solchen überholten Vorstellungen distanziert. Museen präsentieren stattdessen Sichtweisen und beziehen Stellung, positionieren sich und ihre Inhalte immer wieder neu, denken über sich selbst nach und fordern zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Publikum auf. Museen kontextualisieren Objekte, zeigen Lebenswelten, ohne den mahnenden Zeigefinger heben zu wollen, als habe man die Wahrheit für sich gepachtet. Herausforderungen von heute ? Konzeptionen von morgen
Seit Jahren ist die deutschsprachige Museumslandschaft gewaltigen Veränderungen und Konzentrationsprozessen ausgesetzt. Neue Medien gehören längst zum Standardrepertoire eines Museums, werden in Ausstellungen eingesetzt, dienen der Vermittlung, der Kommunikation und dem Marketing. Über die Fragen, was denn nun an dinglichem Kultur- und Sachgut für Museen überhaupt erhaltenswert und aufbewahrungswürdig sei und was nicht, herrscht in heutigen Tagen allerdings kein Einvernehmen; eher macht sich Ratlosigkeit bei Betroffenen breit. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Prognose aufstellen, dass nur große, starke oder kleinere, flexible Museumseinrichtungen mittel- und langfristig überleben können. Netzwerke der Kultur, der Bildung und der Forschung aufzubauen, Kooperationen zu schmieden und einen zunehmend autonomeren Status zu erreichen, sind mehr denn je zu wichtigen Überlebensstrategien vieler Museen geworden. Zukunftsorientierte Einrichtungen bedienen sich heute mit großer Selbstverständlichkeit modernster Management-, Führungs- sowie betriebswirtschaftlicher Instrumente und werden unternehmensnah geführt.
Während die meisten Museen bis heute ihren traditionellen Aufgaben des Sammelns, Bewahrens, Forschens und Vermittelns verpflichtet sind und sich auf dieser Grundlage weiterzuentwickeln bemühen, gibt es derzeit vereinzelt schon die Forderung, die Museen müssten sich von der ?Vierfaltigkeit? ihrer Aufgaben endlich lösen und sich neu positionieren. Vertreter dieser Ansicht machen vor allem auf die zunehmende Last und Belastung für die Museen durch die von ihrer Seite bewahrten Objekte aufmerksam, die weitgehend verhindere, dass sie ihren Selbstanspruch überdenken, ihre Maximen in regelmäßigen Zeitabständen auf ihre Gültigkeit hin befragen und gegebenenfalls Kurskorrekturen vornehmen könnten. In der Tat ist es so, dass etliche Museen längst am Rande ihrer Kapazitäten angelangt sind. Begrenzte finanzielle und personelle Ausstattungen, mangelnde zusätzliche Ausstellungsräume und Depoträumlichkeiten mahnen zur Beschränkung und Einsicht. Es gilt, ungeachtet des gesetzlichen Auftrags und öffentlicher Erwartung, Mut zur Lücke, zur Differenzierung und zum Experiment zu haben. Als Orte des Gedächtnisses, als Bildungs-, Lern- und Erlebnisorte wären die Museen vor diesem Hintergrund auch als Experimentierfelder, Laboratorien und Werkstätten in der Auseinandersetzung mit Geschichte, Kunst und anderen kulturellen Themen zu verstehen, denen der ständige Dialog mit der Öffentlichkeit obläge: das perpetuum mobile Museum als Diskussionsplattform und als Mittler zwischen Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft. Fragen nach der zukünftigen Situation der Museen und der daraus erwachsenden Konsequenzen für alle Betroffenen sind angesichts der gesellschafts- und kulturpolitischen Bedeutung dieser Einrichtungen stets nicht losgelöst voneinander zu beurteilen. Um im Kultur- und Wissenschaftsbereich mittel- und langfristig überhaupt noch bestehen zu können, werden Kooperationen und Partnerschaften verschiedenster Art und Zielsetzung sowie mit unterschiedlichsten Partnern notwendig sein. Die weiter zunehmende Autonomie der Museumseinrichtungen als Folge des sich immer weiter zurückziehenden Staates ? mehr Freiheiten und noch weniger Geld ? wird aller Wahrscheinlichkeit nach zu erheblichen Konzentrationsprozessen in der Museumslandschaft führen, angesichts derer sich nur stärkere Einrichtungen behaupten, schwächere stattdessen zugrunde gehen dürften. Den Verhältnissen in der Neuen Welt vergleichbare Entwicklungen, bei denen private Investoren, namentlich Privatpersonen, Mäzene, Industrie und Wirtschaft, die Kultur- und Wissenschaftspolitik zu nicht unerheblichen Teilen definieren, zeichnen sich seit einigen Jahren am Horizont der deutschen Museumslandschaft ab. Manche Museen sind angesichts der hohen, vielfach übertriebenen Erwartungen, die auf ihnen lasten, bereits ernsthaft in ihrer Existenz bedroht; erste Nachrichten von Schließung und Auflösung einzelner Museen machen die Runde. Stets ist der Fortbestand der Museumseinrichtung ins Visier zu nehmen und der Spagat zwischen eigenem Anspruch und Öffentlichkeit, zwischen Selbstverständnis und Auftrag, zwischen Kultur und Wissenschaft, zwischen Gesellschaft und Popularisierung, zwischen Produktportfolio, Markt und Wettbewerb im Reigen der Kultur- und Freizeitanbieter zu bestehen. Das Historische Museum der Pfalz ? Wurzeln und Entwicklung
Das Historische Museum der Pfalz in Speyer wurde bereits im Jahre 1869 vom Historischen Verein der Pfalz gegründet und erhielt im Jahre 1910 einen nach den Plänen des bayerischen Architekten Gabriel von Seidl entstandenen Museumsbau in der Art eines vierflügeligen, mit mächtigen Türmen, Toren und Mauern versehenen Renaissanceschlosses, das die Einrichtung bis heute in architektonischer und städtebaulicher Hinsicht weitgehend bestimmt. Seit 1985 wird das Museum als öffentlich-rechtliche Stiftung mit den Trägern Bezirksverband Pfalz, Land Rheinland-Pfalz (seit 2004), Stadt Speyer, Bistum Speyer und Evangelischer Kirche der Pfalz sowie Historischer Verein der Pfalz e.V. geführt und kann sich somit auf eine gesellschaftlich und politisch breit abgestützte Trägerschaft berufen.
Die letzten gut zwei Jahrzehnte am Historischen Museum der Pfalz standen im Wesentlichen im Zeichen der Weiterentwicklung und Neuorientierung. Zwischen 1987 und 1992 erfolgte eine Generalsanierung des Gebäudes und die Errichtung eines Neubautrakts, darüber hinaus wurden in einer ehemaligen Baumwollspinnerei außerhalb der Innenstadt Räumlichkeiten für Restaurierungswerkstätten und Sammlungsdepots geschaffen, schließlich ein Verwaltungsgebäude vis-à-vis des Museumsbaues bezogen. Im Jahre 1992 konnten im Zusammenhang mit einer als rheinland-pfälzische Landesausstellung konzipierten Schau zur Dynastie der eng mit Speyer verbundenen Salier-Kaiser der sanierte Altbau und der Museumsneubau der Öffentlichkeit übergeben werden. In den Folgejahren wurden die Sammlungsbestände des Historischen Museums der Pfalz mit Gegenständen und Zeugnissen pfälzischer Herkunft von der Steinzeit bis zur Gegenwart sukzessive wissenschaftlich aufgearbeitet und in Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert. Als besondere Highlights der Sammlungen gelten in diesem Zusammenhang der Speyerer Domschatz, der als Dom- und Diözesanmuseum zu verstehen ist und die bedeutenden Zeugnisse aus den Gräbern des salischen Herrschergeschlechts beherbergt, das Weinmuseum mit u.a. dem ältesten flüssigen Rebenwein der Welt (um 325 n.Chr.) und die Sammlungsausstellung ?Vorgeschichte der Pfalz?, die mit dem ?Goldenen Hut von Schifferstadt? (um 1300 v.Chr.) über ein herausragendes Exponat der späten Bronzezeit verfügt. Seit nunmehr rund 15 Jahren zählt das Historische Museum der Pfalz mit bis zu 500 000 Besuchern pro Jahr zu den besucherträchtigsten und erfolgreichsten Museumseinrichtungen in Südwestdeutschland und hat sich mit seinen großen attraktiven Sonderausstellungen zu wechselnden Themen der Archäologie, Geschichte, Kultur und Kunst, fallweise lokalen, regionalen, bundesweiten oder internationalen Zuschnitts, einen weit über die Region hin ausstrahlenden Namen gemacht. Mit der Errichtung eines unter dem Dach des Historischen Museums der Pfalz angesiedelten Museums, das sich der Vermittlung musealer Inhalte für Kinder und Jugendliche verschrieben hat, Junges Museum Speyer (?JuMus?) genannt, wurde im Jahr 1999 ein weiteres, nicht weniger erfolgreiches Kapitel in der Geschichte dieser Einrichtung geöffnet. Dieses erste rheinland-pfälzische Kinder- und Jugendmuseum erreicht mit spannenden Ausstellungen, Präsentationen, Aktions- und Ferienprogrammen seine angestrebte Zielgruppe und bietet Kindern und Jugendlichen eine zugleich altersgerechte wie spannende Annäherung an Kultur und Geschichte. Interaktive Mitmachstationen, ?Hands-on-Objekte? und erlebnisorientierte Inszenierungen ermöglichen einen spielerischen Umgang mit Geschichte. Familien-Mitmach-Ausstellungen des Jungen Museums Speyer, wie ?30 Jahre Playmobil. Entdecke die Welt? (2004) oder ?ZDF tivi. Tabaluga, Löwenzahn & Co. So wird Fernsehen gemacht? (2005/2006) wurden mit großer Begeisterung nicht nur von den jungen Museumsbesuchern wahrgenommen und entwickelten sich in kürzester Zeit zu großen Publikumsmagneten. Seit vielen Jahren nun schon präsentiert das Museum in Speyer Jahr für Jahr bis zu sechs Sonderausstellungen zu verschiedensten Themen und bietet mit einer Gesamtausstellungsfläche von nahezu 8000 m² ideale Voraussetzungen für seine Sammlungs- und Sonderausstellungen. Auf bis zu vier Flächen (?Bühnen?) mit einer Gesamtfläche von insgesamt rund 3500 m² lassen sich Wechselausstellungen präsentieren. Schließlich verfügt das Museum mit seinem mittels einer Glasdachkonstruktion überdachten Innenhof (?Forum?) über einen vielseitig nutzbaren Veranstaltungsort, etwa für Ausstellungseröffnungen, Vorträge, Lesungen, Podiumsdiskussionen, Comedy-Veranstaltungen, Theateraufführungen, Konzerte und sonstige Darbietungen. Der Aufbau und die Etablierung neuer Museumskonzepte und Kulturprogramme bestimmen die heutige Museumsarbeit mehr denn je. Mit abwechslungsreichen und zielgruppenorientierten Ausstellungen und Veranstaltungen hat sich das Historische Museum der Pfalz längst zu einer kulturellen Marke entwickelt, die bundesweit Aufmerksamkeit findet. 2005/06 konnten mit den Sonderausstellungen ?Heinrich IV. ? Kaiser, Kämpfer, Gebannter?, ?Geraubt und im Rhein versunken. Der Barbarenschatz?, ?Pracht und Prunk der Großkönige. Das persische Weltreich?, ?Julius Exter (1863-1939)? und ?Die Piraten. Herrscher der sieben Weltmeere? gleichermaßen attraktive wie inhaltlich-thematisch abwechslungsreiche Themen gezeigt werden. Die besucherorientierte Vermittlung gelingt dabei vor allem durch ziel- und altersgruppengemäße Umsetzungen sowie spannende und erlebnisreiche Inszenierungen der gestellten Themen in großen Ausstellungen sowie durch zahlreiche museumspädagogische Angebote wie Führungen und Familientage oder ausstellungsbegleitende Veranstaltungen mit Vortragsreihen, Konzerten, Lesungen, Workshops, Bastelnachmittagen, Ferienprogrammen und vielem mehr. Durch die Ausweitung der Ausstellungen und Veranstaltungen auf weitere Kulturkreise werden dabei auch immer wieder neue Interessensgruppen für das Museum gewonnen.
Museen und Gesellschaft
Museen reflektieren wie alle anderen von Menschen (Produzenten) getragene und für Menschen als Adressaten (Kunden) vorgesehene Kultureinrichtungen die Gesellschaft an sich und spiegeln laufende gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen. Ausgehend von diesem Umstand lassen sich angesichts aktueller Verhältnisse verschiedene Thesen und Tendenzen formulieren, denen sich Museen heute zu stellen haben und die zur Reaktion bzw. zum Agieren herausfordern. Ausdrücklich genannt seien: ? Die Grenzen zwischen Kultur und Wissenschaft, Forschung und Bildung, Freizeit und Erlebnis werden zunehmend aufgehoben. ? Der allseits zu beobachtenden Globalisierung steht der Wunsch des Menschen nach lokaler bzw. regionaler Verortung gegenüber. ? Die Gesellschaft ist einer permanenten Weiterentwicklung unterworfen und verändert sich in rasantem Tempo. ? Die Halbwertszeit von (technologischem) Fortschritt nimmt rapide ab. ? Die Grenzen zwischen Original und Kopie bzw. Nachahmung verwischen zusehends. Wollen Museen ?am Puls der Zeit sein? oder ?am Puls der Zeit bleiben?, haben sie ihr Selbstverständnis, ihren Anspruch und ihre tagtägliche Arbeit eingedenk der angeführten Thesen und Tendenzen in der Regel dringend einer Korrektur zu unterziehen (?Paradigmenwechsel?). Das Museum als Elfenbeinturm und als Hort der Wissenschaft sowie der dinglichen Kultur steht solchen gesellschaftlich nicht aufzuhaltenden Entwicklungen diametral entgegen und wird daher mittel- bis langfristig keine tragfähige Zukunft haben können. In Konkurrenz zu kommerziellen, meist privaten Freizeitanbietern müssen die Museen noch stärker als bisher Orte kultureller Kommunikation werden und sich als Orte der Verknüpfung von Kultur und Wissenschaft, Forschung und Bildung, Freizeit und Erlebnis verstehen. Museen sollten sich insofern trotz oder gerade wegen ihres Traditionsbewusstseins zu Orten des gesellschaftlichen Diskurses und des ständigen Dialogs mit der Öffentlichkeit weiterentwickeln, soweit sie diesen Anspruch nicht längst erheben.
Das Thema Museum und Gesellschaft berührt mitunter allerdings auch gegenläufige Tendenzen und Entwicklungen. Einerseits ist seit Jahren zu beobachten, dass das Lern-, Schul- und Lehrfach Geschichte an sinnstiftender Kraft verliert, insbesondere im nationalen Kontext, andererseits der rasche Wandel in allen Lebensbereichen der Gesellschaft ein Interesse an der (eigenen) Vergangenheit fördert. Trends zu einer alle Aspekte des Lebens umfassenden Kulturgeschichte sind daher zugleich Chance wie Herausforderung für die historischen und kulturgeschichtlichen Museen: Chance, da die Sachkultur als Quelle und Teil des Diskurses genutzt werden kann; Herausforderung, da die traditionellen thematischen Sammlungs- und Ausstellungseinheiten den heutigen ? ganzheitlichen ? Fragestellungen nicht mehr wirklich entsprechen (so ist die Trennung einer Sammlung in ?Volkskunde? und ?Kulturgeschichte? heute kaum noch nachvollziehbar und wird daher zunehmend aufgegeben).
Die enge gegenseitige Abhängigkeit von Museum und Gesellschaft hat verständlicherweise auch direkte Konsequenzen auf die Leitbilder heutiger Museumsarbeit. Einerseits fühlen sich die meisten Museumseinrichtungen bis heute der traditionellen ?Vierfaltigkeit? des Sammelns, Bewahrens, Forschens und Vermittelns verpflichtet, andererseits müssen sich die Museen im Wettbewerb mit kommerziellen und privaten Anbietern vor allem an den Bedürfnissen und Erwartungen des Museumsbesuchers orientieren, der als Souverän und als Lebensunternehmer letztlich allein darüber entscheidet, ob er einem Museum einen Besuch abstattet oder nicht. Dabei handelt es sich nicht notwendigerweise um einen unüberbrückbaren Gegensatz, sondern um eine klare Prioritätensetzung innerhalb des zweifellos mannigfachen Aufgabenkatalogs von Museen zugunsten einer Orientierung am Besucher und dessen Interessen; Kundenorientierung heißt denn auch das vielsagende Stichwort, dem sich Museen und gerade auch weitere von der Öffentlichkeit getragene und für die Öffentlichkeit vorzusehende Kultureinrichtungen zu unterwerfen haben, wollen sie auch zukünftig bestehen bleiben und sich auf dem Kulturmarkt behaupten. Ein wesentlicher Aspekt heutiger Museumstätigkeit ist es daher, den Dialog mit dem Publikum ständig am Leben zu halten, laufend zu erneuern und neue Impulse zu verleihen. Diese Überlegungen kommen einem Bekenntnis zur Öffentlichkeit gleich, gilt es doch den Erwartungen und Bedürfnissen der Konsumenten in geeigneter Art und Weise zu begegnen. Dass den Museen dabei grundsätzlich genügend Freiräume bleiben, innerhalb der Vermittlungsarbeit individuelle Schwerpunkte und Akzente zu setzen, muss an dieser Stelle nicht eigens ausgeführt werden. Nur eine Orientierung am Kunden wiederum lässt gewöhnlich die Akquisition von Drittmitteln durch Sponsoren, Förderer oder Mäzene zu, die zur Durchführung von Projekten in Museen zunehmend unerlässlicher werden. Der Marketingkommunikation (Corporate Identity, Corporate Design) kommt in diesem Zusammenhang die Rolle eines Schlüsselinstruments zeitgemäßer Museumsarbeit zu. Laufende Evaluationen (u.a. Besucherbefragung), Controllingmaßnahmen und ständige Rückkopplungen stellen sicher, dass, falls erforderlich, Richtungskorrekturen und Optimierungen durchgeführt werden. Der Erfolg eines Museums hängt dabei ganz wesentlich von der Partizipation des gesamten Mitarbeiterteams ab, gilt es doch Verantwortung zu delegieren und mit klaren Zielen zu führen (Mitarbeitermotivation). Erst unter den genannten Voraussetzungen kann eine Museumseinrichtung zu einer kulturellen Marke werden, die als solche wahrgenommen wird. Heutige Museumspraxis theoretisch besehen Heutige Museumsarbeit versteht sich zunehmend als projektspezifische, ergebnisorientierte Tätigkeit. Vor allem Ausstellungen, ferner Veranstaltungen und auch Publikationen sind als Projektvorhaben innerhalb genau festgelegter Rahmen zu realisieren und bestimmen die tagtägliche Arbeit. In verschiedenen Projektteams arbeitende Mitarbeiter versehen klar umrissene Aufgabengebiete und werden von Projektleitern, die sie fördern und fordern, betreut. Zeit-, Kosten- und Personalpläne haben sicherzustellen, dass alle erforderlichen Bedingungen zur Umsetzung eines Projekts eingehalten werden.
Jedes Projekt im Museum orientiert sich wiederum an klar umrissenen Zielgruppen, die den Markt einer Ausstellung oder einer Publikation definieren. Zu den wichtigsten Tätigkeiten in Museen zählt daher die Ausrichtung zeitlich befristeter Ausstellungen, auch Sonder- oder Wechselausstellungen genannt, die sich auf der inhaltlichen Ebene bestimmten Themen widmen und in der Regel mit Begleitpublikationen sowie attraktiven Aktions- und Begleitprogrammen aufwarten. Die sinnliche Erfahrbarkeit von Themen in Ausstellungen verbunden mit einer geeigneten Gestaltung, Inszenierungen und andere adäquate Vermittlungsformen sind zunehmend wichtigere Faktoren potentiellen Erfolgs; Form und Inhalt müssen einander entsprechen, stumme Objekte zum Sprechen gebracht und Geschichte(n) erzählt werden.
Schulische Ausbildung und Museum Innerhalb unserer heutigen durch verschiedenste Medien geprägten und ständig in Weiterentwicklung und Veränderung begriffenen Gesellschaft haben Museen längst ihr Alleinstellungsmerkmal als Kultur-, Bildungs- und Vermittlungseinrichtung eingebüßt. Wollen Museen als außerschulischer Lernort auch weiterhin wahrgenommen und beachtet werden, müssen sie den Bedürfnissen der Schulen sowie der Lehrerschaft entsprechen und den Dialog suchen. Zielgruppenorientierte, konkrete Bildungs- und Vermittlungsangebote für Schulen erscheinen in diesem Zusammenhang unerlässlich, eine Orientierung an Lehrplänen mehr als nützlich; gemeinsame Anliegen und gemeinsame Interessen gilt es zu formulieren Im Falle des Historischen Museums der Pfalz wurde mit der 1999 erfolgten Gründung des Jungen Museums Speyer als erstem Kinder- und Jugendmuseum in Rheinland-Pfalz ein wichtiger Schritt in die Zukunft unternommen. Spezielle Ausstellungen, Veranstaltungen und Begleitprogramme für Kinder und Jugendliche sowie Schulklassen gewährleisten attraktive Angebote für den Museumsbesucher von morgen. Barrieren gilt es abzubauen, Bündnisse gilt es zu schließen. Nur diese ermöglichen es einem Museum, auch mittel- und langfristig als kulturelle Größe innerhalb unserer Gesellschaft wahrgenommen zu werden.
Das Historische Museum der Pfalz ? ein vorläufiges Fazit
Das Historische Museum der Pfalz hat sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten innerhalb der südwestdeutschen Museumslandschaft zu einer bedeutenden kulturellen Marke entwickelt. Vielfach ist vom kulturellen Leuchtturm die Rede. Wesentliche Leitbilder der heutigen Arbeit im Museum sind die Erarbeitung und Realisierung besucherorientierter Projekte, vor allem von Ausstellungen zu wechselnden Themen der Archäologie, Geschichte, Kultur und Kunst, fallweise lokalen bis regionalen, fallweise bundesweiten bis internationalen Zuschnitts. Garanten des Erfolgs sind dabei ganzheitliche, attraktive und erlebnisreiche Darstellungen, die auf klar umrissene Zielgruppen abheben, Inhalte auf spannende Art vermitteln und professionell kommuniziert werden. Wesentliche Zielsetzung der gegenwärtigen Tätigkeit im Museum ist es daher, die Einrichtung auf dem erreichten Niveau laufend weiterzuentwickeln und als regionales Museum fallweise überregional, national oder international auszustrahlen. Das Historische Museum der Pfalz ist dabei nicht allein als ein kultureller Faktor innerhalb von Stadt und Region anzusehen, sondern auch als ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, vor allem für die Pfalz und die Metropolregion Rhein-Neckar. Die weitere Etablierung des Museums als Marke, die für Erlebnis, Geschichte und Kultur in der Region steht, sowie als kultureller Ort, als Ort der Begegnung, des Dialogs und der Kommunikation stehen dabei ganz wesentlich im Mittelpunkt allen Bemühens. Das Historische Museum der Pfalz als im Dienste der Öffentlichkeit stehender Dienstleistungsbetrieb generiert zielgruppenorientierte Produkte, die ein klares Bekenntnis an den Bedürfnissen und Erwartungen der Kunden offenbaren. Wandlungs- und Entwicklungsfähigkeit der Einrichtung werden in diesem Zusammenhang von wesentlicher Bedeutung sein. Das Museum der Zukunft ? eine Vision Das Museum der Zukunft versteht sich als im Mittelpunkt gesellschaftlicher, kultureller und wissenschaftlicher Diskussion stehende Bildungs-, Kultur- und Vermittlungseinrichtung, die ihren festen Platz in der Gesellschaft behält. Als solche steht sie für Seriosität und Glaubwürdigkeit und begreift sich als Schnittstelle zwischen Forschung und Wissenschaft, Kultur und Kulturvermittlung sowie Erlebnis und Freizeit. Das Museum agiert im ständigen Austausch mit der Öffentlichkeit, ist ein verlässlicher Partner in Stadt und Region und wichtiger Faktor der Lebensqualität und Entwicklungsfähigkeit der modernen Gesellschaft.
Dr. Alexander Koch leitet seit Oktober 2005 das Historische Museum der Pfalz in Speyer. Zuvor war er Leiter des Fachbereichs Sammlungen und Mitglied der Geschäftsleitung am Schweizerischen Landesmuseum in Zürich (2000-2005), davor wissenschaftlicher Angestellter am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz (1993-1999). Seit 2003 ist der Archäologe Privatdozent an der Universität Marburg (venia legendi in Vor- und Frühgeschichte). Diesen Vortrag hielt er beim Empfang des Vereins der Freunde des Gymnasiums am Kaiserdom am 25. September 2006.