Warum Latein ? - Latein boomt !
"Latein ist der Schlüssel zur europäischen Geschichte und Kultur."
Diese Äußerung von Stefan Kipf, Professor für klassische Sprachen an der Berliner Humboldt-Universität und Bundesvorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes, beschreibt unseres Erachtens den Stellenwert der lateinischen Sprache sehr treffend.
Der folgende Artikel aus dem Handelsblatt (!) vom 06.06.2007 (Autor : W. Pichler, Bonn) erklärt die Renaissance des Lateinunterrichts sowie dessen Neuausrichtung :
Die Sprache der Römer lebt
Latein wird an deutschen Gymnasien zum Boom-Fach, Schülerzahlen steigen, Lehrer werden gesucht – Ein Grund ist die Wertediskussion
Manchmal reichen sieben Wörter, um Generationen zu trennen. „Gallia est omnis divisa in partes tres“ zum Beispiel, „Gallien als Ganzes gliedert sich in drei Teile“, beginnt Cäsars Kriegsbericht, den er vor mehr als 2000 Jahren nach Rom schrieb, um den Daheimgebliebenen zu erklären, was ihre Söhne zwischen Alpen, Rhein und Atlantikküste taten. Weil er das auch in der Sprache mit militärischer Präzision tat, ist sein Buch über den Gallischen Krieg bis heute Pflichtlektüre im Lateinunterricht.
Viele vor 1970 Geborene schaudert es noch heute beim Namen – sie erinnern sich, wie sie sich mit Deklinationen, Partizipien, Supina und Schlimmerem herumschlagen mussten. Viele nach 1990 Geborene jedoch finden das alles verblüffenderweise total spannend. Die Sprache der alten Römer wird an deutschen Gymnasien zum Boomfach. Zum fünften Mal in Folge ist die Zahl der Lateinschüler gestiegen, erklärt der jetzt veröffentlichte „Bericht zur Lage des altsprachlichen Unterrichts“ des Deutschen Altphilologenverbandes.
771413 Jungen und Mädchen besuchten im Schuljahr 2005/06 den Lateinunterricht – 31843 Schüler oder viereinhalb Prozent mehr als noch im Schuljahr davor. „Die Entwicklung ist eindeutig“, sagt Stefan Kipf, Professor für klassische Sprachen an der Berliner Humboldt-Universität und Bundesvorsitzender des Verbandes. „Wir sind fast wieder beim bisherigen Spitzenwert von 820 000 zu Anfang der 80er Jahre (N.d.R.: im Schuljahr 2008/2009 sind es laut Statistischem Bundesamt 832891 Schülerinnen und Schüler).“ Die Steigerung beeindruckt doppelt, wenn man bedenkt, dass die Schülerzahlen als solche eigentlich bundesweit zurückgehen. „Selbst in den neuen Bundesländern, wo die Gesamtschülerzahlen wegbrechen, haben wir im Fach Latein Zuwächse“, freut sich Kipf.
Die unerwartete Renaissance liegt unter anderem daran, dass die antike Weltsprache und die moderne auf dem Stundenplan nicht mehr automatisch konkurrieren. Weil am Idiom Shakespeares und George W. Bushs heute kaum noch ein Weg vorbeiführt, bedeutete das früher oft, dass Eltern sich für ihre Kinder zwischen Englisch und Latein entscheiden mussten und Latein das Nachsehen hatte.
Den Ausweg brachte das 1997 in Baden-Württemberg erstmal erfolgreich getestete „Biberacher Modell“ : Die Schüler konnten zu Beginn der 5. Klasse beide Sprachen parallel belegen. Das Ergebnis war laut Kipf eindeutig : „Die Anmeldungen für Latein haben sich verdoppelt oder verdreifacht.“ Entschärft hat sich die Entweder-oder-Diskussion auch, weil der Englischunterricht inzwischen vielerorts schon in der Grundschule einsetzt.
Zweitens reitet der Lateinunterricht auf der Welle der Wertediskussionen und Ethikdebatten. Wer über die gemeinsame Kultur Europas nachdenkt, landet früher oder später auch bei der Sprache, die zwischen Polen und Portugal, zwischen Schottland und Sizilien jahrhundertelang Politik, Kunst und Wissenschaft prägte. „Latein ist der Schlüssel zur europäischen Geschichte und Kultur“, sagt Kipf und erzählt vom „sehr erfolgreichen“ Lateinunterricht mit türkischen Schülern an Berliner Kiez-Gymnasien. Ganz jenseits aller beiderseitigen Vorurteile von „Kreuzzüglern“ oder dem „Schwert des Islam“ erfahren sie da zum Beispiel vom vielfältigen Austausch zwischen der Welt des Orients und der lateinisch geprägten Kultur des Mittelalters.
„Wir erleben wieder eine gewisse Tendenz zu – ohne jeden abwertenden Nebenton – konservativen Werten“, sagt auch Dorothee Gall, Latein-Professorin an der Universität Bonn und dort stellvertretende geschäftsführende Direktorin des Instituts für Griechische und Lateinische Philologie, Romanistik und Altamerikanistik.
„Solche Werte können zum Beispiel durch die Auseinandersetzung mit klassischen Texten vermittelt werden.“ Im Zentrum steht dabei die „humanitas“ – laut Gall die „Ausbildung aller Qualitäten, die das Mensch-Sein im eigentlichen Sinn ausmachen“. Dazu zählen, erläutert sie, „die sittliche Persönlichkeit ebenso wie umfassende Bildung und eine gewisse Umgänglichkeit, die Hinwendung zum Mitmenschen“.
Als dritten Vorteil des Lateinischen nennen Experten schließlich, dass es keine „Kommunikations-“ ,sondern eine „Reflexionssprache“ sei : ein Modell, das Schülern zu Begreifen helfen kann, wie eigentlich Sprache funktioniert. Was zum Beispiel ist ein grammatikalisches Objekt ? Was bedeuten Ablativus absolutus, Personalpronomen, Aktiv und Passiv ? Was sind das für Dinge, Dativ und Genitiv ? Wer das für Latein begriffen hat, dessen Chancen sind größer, den einen auch im Deutschen nicht mehr zu des anderen Tot zu machen – oder fürs Englische zu kapieren, was eine „dritte Person“ ist und wo deshalb der Unterschied zwischen „I do“ und „he does“ liegt.
„Das Fach hat sich seit den 70er-Jahren sehr gewandelt und auch wandeln müssen“, bilanziert Kipf. „Es hätte nicht viel gefehlt, und die alten Sprachen wären abgewickelt worden. Die Lateiner und Griechen ergriffen die einzige Chance, die ihnen geblieben war : Sie veränderten ihre Fächer von Grund auf.“
Lehrer, Schüler und Eltern merken das schon an den Lehrbüchern : Von der Bleiwüsten- Optik der 50er- und 60er-Jahre ist nichts übrig geblieben. Auch beim Inhalt findet sich nichts mehr vom früheren Feldgrau : Ein Lateinkenner muss heute nicht mehr mit antiker Heldenrhetorik um sich werfen wie dem schaurigen „Dulce et decorum est pro patria mori“ (Süß und ehrenhaft ist es, fürs Vaterland zu sterben). „Wir sehen die Botschaften der Texte nicht mehr als Vorbild, sondern als Angebote“, sagt Kipf, „als Denkmodelle zur exemplarischen Erörterung von Grundproblemen menschlicher Existenz.“
Da geht es dann um Fragen, die gerade auch Schüler interessieren : Was heißt es, glücklich zu leben ? Was heißt es, ein guter Freund zu sein ? Und : Gibt es einen gerechten Krieg ? Speziell Cäsar wird dann gegen den Strich gebürstet, verrät Kipf : Anhand der Kriegsberichte des Feldherrn wird den Schülern beigebracht, „welche schriftstellerischen Mittel er einsetzt, um sein militärisches Handeln darzustellen, es zu rechtfertigen und seine Leser in seinem Sinne zu manipulieren.“ Dorothee Gall bestätigt das. „Dass antike Autoren nur affirmativ, also mit unkritischer Zustimmung und Bewunderung gelesen werden, ist Vergangenheit. Die antike Literatur taugt nicht immer dazu, bestimmte Werte zu transportieren, sie bietet aber vielfältige Anregungen für den eigenen Wertediskurs.“
Seit die Sprache der Römer nicht mehr automatisch mit dem Tun ihrer Heere identifiziert wird, nutzen Liebhaber sie europaweit für Experimente, die das Klischee von der „toten“ Sprache lügen strafen. So hat der finnische Uni-Dozent Jukka Ammondt inzwischen drei CDs mit lateinischer Rockmusik und lateinischen Elvis- Presley- Versionen aufgenommen. In Deutschland haben sich sieben Lateinlehrer zur Rap-Band „Ista“ zusammengetan und feiern auf Schulfesten rauschende Erfolge.
In Hessen hat der Mangel an Lateinlehrern vor kurzem zu einer Feuerlösch- Aktion geführt : Das Kultusministerium genehmigte Ende April eine Weiterbildung im Schnellverfahren. Lehrer, die Latein als Fach dazunehmen, brauchen während der Fortbildung weniger zu unterrichten.